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Pakistan: Über 500 Kinder wegen fahrlässigem Arzt mit HIV infiziert

Die Angst geht um in Ratodero: Ein Arzt soll seine Patienten absichtlich infiziert haben. Nun stellt sich heraus, dass die Ursache wahrscheinlich die Mehrfachbenutzung von Spritzen war – Ärzte gehen von Tausenden Betroffenen aus.
Ulrike Putz, Yokohama
HIV-Bluttests werden bei Kindern in einem staatlich geführten Spital in Ratodero gemacht, während ihre Eltern dabei nervös zuschauen. (Bild: Rizwan Tabassum/AFP (9. Mai 2019))

HIV-Bluttests werden bei Kindern in einem staatlich geführten Spital in Ratodero gemacht, während ihre Eltern dabei nervös zuschauen. (Bild: Rizwan Tabassum/AFP (9. Mai 2019))

Es war im April, als sich einige Eltern im südpakistanischen ­Ratodero erstmals fragten, was mit ihren Kindern nicht stimmt: Ihre Söhne und Töchter litten unter hohem, lang anhaltendem Fieber, ohne die sonst klassischen Symptome von Kinderkrankheiten zu haben. Tests, die in einer örtlichen Klinik durchgeführt wurden, brachten bald furchtbare Nachrichten. Bei 15 Kindern zwischen 2 und 8 Jahren wurde das HI-Virus nachgewiesen. Ihre schockierten Eltern jedoch waren alle nicht ­infiziert – die Kinder mussten sich ausserhalb ihrer Familien angesteckt haben.

Aufgeschreckt initiierten die Behörden der südpakistanischen Provinz Sindh mehr Tests, die erschreckende Resultate brachten. Von den 21'000 Menschen, die in den vergangenen Wochen in Ratodero untersucht worden waren, wurde bei 681 Personen das HI-Virus nachgewiesen. 537 der Infizierten sind Kinder unter 12 Jahren.

Der Vater eines Mädchens, bei dem das Virus festgestellt wurde, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, er habe das Testergebnis zuerst für einen schlechten Scherz gehalten. Als der Arzt ihm mitgeteilt habe, dass seine 16 Monate alte Tochter HIV-positiv sei, habe er das nicht geglaubt, so der Vater.

«Für mich war das einfach nicht vorstellbar.»

Arzt selber ohne Kenntnis seiner HIV-Infizierung

Befragungen der betroffenen Familien ergaben, dass 123 der Infizierten in der Privatpraxis des ortsansässigen Arztes Muzaffar Ghanghro behandelt worden waren. Ghanghro wurde Ende April verhaftet.

Wie sich herausstellte, ist auch er Träger des ­HI-Virus. Pakistanische Medien verbreiteten daraufhin Schauergeschichten über einen mordenden Arzt, der seine Patienten mit ins Grab nehmen wolle. Die Polizei kam jedoch schnell zu dem Schluss, dass Ghanghro gar nicht wusste, dass er selbst HIV-infiziert ist. Er wurde von dem Vorwurf des Mordes freigesprochen, dafür aber des Totschlags angeklagt: Er soll seine Patienten zwar nicht absichtlich infiziert, sie aber durch die illegale Wiederverwendung von Spritzen mit dem Virus in Kontakt gebracht haben.

Die Nachricht, dass kein Serienmörder, sondern ein fahrlässiger Arzt Hunderte Kinder und Erwachsene mit einem tödlichen Virus infiziert hat, versetzte viele Pakistaner in Panik: In dem 200-Millionen-Einwohner-Land werden Medikamente statt in Tablettenform oft und gern per Spritze verabreicht – sie sollen so besonders gut wirken.

Wiederverwendete Spritzen das Hauptproblem

Gleichzeitig ist bekannt, dass es gerade auf dem Land viele Ärzte und Quacksalber mit der Hygiene nicht so genau nehmen. Die HIV-Fälle in Ratodero könnten deshalb nur die Spitze des Eisbergs sein, sagt Dr. Imran Akbar Arbani, der in der 300'000-Einwohner-Stadt eine Klinik betreibt. Er rechne mit Tausenden weiteren Infektionen.

Inzwischen ist auch die Regierung im weit entfernten Islamabad hellhörig geworden. «Pakistan hat ein riesiges Problem damit, dass gebrauchte Spritzen neu verpackt und wieder verkauft werden», warnte Zafar Mirza, der unter Premierminister Imran Kahn als Sonderbeauftragter für Gesundheitsfragen dient.

Mirza, der die Krisenregion in der vergangenen Woche besuchte, sagte, die Lage dort sei dramatisch. «Die Krankenhäuser sind überfüllt», so der Beamte. Die Regierung habe weitere 50 000 HIV-Tests bestellt und werde drei Behandlungszentren in der betroffenen Region eröffnen. Erwachsene Patienten erhielten ­bereits antiretrovirale Medikamente, und es seien spezielle Medikamente für Kinder bestellt worden, sagte Mirza. Pakistans Gesundheitssystem ist überlastet und deckt die Bedürfnisse der ­Bevölkerung nicht einmal im ­Ansatz.

Darunter leiden vor allem Kinder. Eins von elf Kindern in Pakistan stirbt vor seinem elften Geburtstag, 44 Prozent leiden an Unterernährung.

Ansteckung durch verseuchte Bluttransfusionen

Den jetzigen Ermittlungen zufolge sind etwa 60 Prozent der jetzt entdeckten Infektionen durch wiederverwendete Nadeln und Spritzen, andere durch verseuchte Bluttransfusionen ausgelöst worden. Das erklärte der Leiter des Aids-Kontrollprogramms der Provinz Sindh, Sikander Memon.

Auf Ersuchen Pakistans hätten die Weltgesundheitsorganisation und das Internationale Zentrum für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten ein Expertenteam in die Region entsandt, das am Freitag eingetroffen sei. Das internationale Team solle der genauen Ursache der Masseninfektion auf die Spur kommen.

Von 350 auf 6200 Tote innert 12 Jahren

Etwa 163'000 HIV- und Aids-Patienten leben in Pakistan, das die am zweitschnellsten wachsende Rate an Infektionen in Asien hat. Die Zahl der jährlich durch HIV/Aids verursachten Todesfälle stieg zwischen 2005 und 2017 von 350 auf 6200. Viele Pakistaner können sich eine angemessene Therapie der Infektion nicht leisten, zumal diese bislang nur in den grossen Städten erhältlich war. In Ratodero nimmt die hundertfache Tragödie derweil ihren Lauf. Am Mittwoch brachte ein Mann seine Frau um, nachdem diese einige Tage zuvor als HIV-positiv getestet worden war. Der Mann habe den Leichnam seiner 32-jährigen Frau an einem Baum aufgehängt und die vierfache Mutter beschuldigt, eine Affäre gehabt zu haben, so die Polizei.

Ein Arbeiter aus einem Dorf ausserhalb Ratoderos sagte, er wisse nicht, wie es weitergehen solle. Er, seine Frau und seine Tochter seien als HIV-positiv ­getestet worden, ebenso sein kleiner Neffe, sagte der Mann namens Tarik Reuters. «Ich habe bereits alle unsere Wertsachen für die Behandlung verkauft.»

16 Menschen aus seinem Dorf hätten in den vergangenen Wochen erfahren, dass sie das HI-Virus tragen. Keiner wüsste, wo er sich infiziert habe.

«Und niemand ist gekommen, um uns in unserer Not zu sehen.»

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