Orthodoxe müssen weitere acht Jahre nicht in die Armee

JERUSALEM. In einer nächtlichen Abstimmung hat die Knesset (Parlament) diese Woche mit 49 zu 39 Stimmen für einen Aufschub der Wehrpflicht für orthodoxe Juden gestimmt, die erst in der letzten Legislaturperiode beschlossen worden war.

Susanne Knaul
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JERUSALEM. In einer nächtlichen Abstimmung hat die Knesset (Parlament) diese Woche mit 49 zu 39 Stimmen für einen Aufschub der Wehrpflicht für orthodoxe Juden gestimmt, die erst in der letzten Legislaturperiode beschlossen worden war. Acht Jahre Schonfrist bleibt den Frommen nun wieder, bevor sie wie alle anderen jungen Israeli zum Dienst an der Waffe verpflichtet werden.

Ex-Finanzminister Jair Lapid, dessen weltliche Zukunfts-Partei damals federführend das neue Gesetz vorangetrieben hatte, schimpfte nach der Abstimmung auf Premier Netanyahus «Regierung ohne Werte».

Die «Wut der Trottel»

Das dramatische Abstimmungsergebnis landete aber auf den hinteren Seiten der Zeitungen, verdrängt von der aktuellen Attentatswelle. Jahrelang hatte die Debatte um gleiche Militärdienstpflichten die weltlichen und frommen Gemüter gegeneinander aufgebracht. Lapids Partei schrieb sich den «Protest der Trottel» auf die Wahlplakate. Trottel – so nennen sich die weltlichen Wehrdienstleistenden selbst, weil sie den Kopf hinhalten, während ihre ultraorthodoxen Landsleute die Thora studieren.

Die im März vergangenen Jahres verabschiedete Rechtsreform hatte zum ersten Mal seit Staatsgründung festgeschrieben, dass auch ultraorthodoxe junge Männer das Vaterland verteidigen müssten. Tausende junge Ultraorthodoxe trieb es damals auf die Strasse, um kundzutun, dass sie lieber ins Gefängnis gingen als zur Armee; dabei sollte das Gesetz mit schrittweise steigender Quote ohnehin erst im Sommer 2017 zur vollen Umsetzung kommen. Diese Frist ist nach der Abstimmung diese Woche auf das Jahr 2023 verschoben worden, und auch dann werden noch jährlich 1800 herausragende Talmudstudenten vom Dienst an der Waffe freigestellt werden.

«Knesset lässt Soldaten im Stich»

«Ausgerechnet jetzt», so zürnte Lapid, wo die Welle der Attentate «unsere Lazarette und Friedhöfe füllt, entscheidet die Knesset gegen ihre Soldaten». Netanyahu «schert sich nicht um Gleichberechtigung», fügte Lapids Parteifreundin Karin Elharrar hinzu.

Zwei Jahre lang hatte die ultraorthodoxe Liste «Vereintes Thora-Judentum» auf den Oppositionsbänken gesessen. Seit dem Frühling regiert sie wieder mit, und ihr Chef Litzman setzt alles daran, die von Lapid durchgesetzten Reformen wieder rückgängig zu machen. «Ich behandle ihn so, wie es ihm zusteht», sagte Litzman. «Er hat uns geschlagen und gedemütigt. Die Öffentlichkeit ist es leid, die Ultraorthodoxen Juden zu verfolgen.»