Opfer von 9/11 abgehört?

Mitarbeiter des Murdoch-Medienkonzerns sollen auch versucht haben, die Telefone von Opfern der Terrorattacken vom 11. September 2001 anzuzapfen. Die US-Bundespolizei FBI ermittelt.

Thoams Spang
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Angehörige von Opfern der Terrorattacken vom 11. September auf «Ground Zero» in New York. (Bild: epa/Chris Hondros)

Angehörige von Opfern der Terrorattacken vom 11. September auf «Ground Zero» in New York. (Bild: epa/Chris Hondros)

washington. Sally Regenhard kann ihren Ärger nicht verbergen. Die Vorstellung, jemand habe das Telefon ihres verstorbenen Sohns Christian abgehört, treibt sie um. Der New Yorker Feuerwehrmann kam am 11. September beim Einsatz im World Trade Center ums Leben. «Es ist schwierig genug, mit dem zehnten Jahrestag umzugehen und jetzt das…», empört sich die Aktivistin einer Organisation, in der sich vor allem Angehörige getöteter Feuerwehrleute organisiert haben. «Das…», das sind die schweren Vorwürfe, die der britische «Daily Mirror» gegen Rupert Murdoch's News Corporation erhoben hat.

Gegen Anstand und Respekt

Das Boulevardblatt berichtete Anfang der Woche, Mitarbeiter der inzwischen eingestellten «News of the World» seien an einen ehemaligen New Yorker Polizisten herangetreten, um sich Zugang zu den Telefonnummern der Terroropfer zu verschaffen. Sie hätten dem Mann, der heute als Privatdetektiv arbeitet, grössere Summen Geld für seine Dienste angeboten.

«Wenn das wahr ist, verletzt das in empörender Weise jedes Gefühl von Anstand und Respekt», sagt Regenhard, von deren Sohn nicht ein winziges Stück DNA übrig blieb. In einem «Revolverblatt» vor aller Welt die letzten Nachrichten auf Christians Anrufbeantworter ausgebreitet zu sehen, hätte sie nur schwer verkraften können. Wie viele andere Angehörige unterstützt sie nachdrücklich die Ermittlungen des FBI.

Die Fahnder wollen den Aktivitäten der Murdoch-Journalisten in den USA auf den Grund gehen. «Wir werden die Angelegenheit von verschiedenen Blickwinkeln genauestens untersuchen», sagte ein Sprecher des New Yorker FBI-Büros, das die Ermittlungen gegen die News Corporation leitet.

Bisher haben die Amerikaner den Abhörskandal in Grossbritannien eher distanziert verfolgt. Dass auch Opfer des 11. September von den mutmasslich kriminellen Aktivitäten betroffen sein könnten, verleiht dem Skandal eine andere Dimension.

Murdoch wehrt sich

Am Donnerstag griff der Chef der News Corporation persönlich zum Telefonhörer, um in einem Gespräch mit dem hauseigenen «Wall Street Journal» Schadensbegrenzung zu betreiben. «Wir stehen in diesem Land im Ruf, einen guten Job zu machen», lobte Murdoch die Arbeit seines Konzerns, der sich in den USA flächendeckend ausgebreitet hat. 2007 erwarb Murdoch das «Journal» und mit FOX-News kontrolliert er den grössten Nachrichten-Kanal des Landes. Sohn James habe die Krise bisher «in jeder Weise extrem gut gehandhabt», sagte Murdoch. Von «kleinen Fehlern» abgesehen.

Dazu gehörte nach Eingeständnis Murdochs das Versäumnis, früh genug das Ausmass der möglichen Konsequenzen für die Geschäftsinteressen des Konzerns begriffen zu haben. Denselben Fehler will der Medienmogul in den USA nicht noch einmal machen. Vorsorglich heuerte er mit Brendan Sullivan und Joel Klein zwei der besten Anwälte an, die sich in Amerika finden lassen, sein Reich zu verteidigen.

Auch eine politische Dimension

Murdoch ahnt, dass es ernst wird. Geht es bei den Vorwürfen in den USA um nicht weniger als die Verletzung eines nationalen Sakrilegs. In seltener Einheit verlangen Demokraten und Republikaner rücksichtslose Ermittlungen gegen die News Corporation.

Die amerikanische Justiz hat unter dem Antikorruptionsgesetz, das während der Watergate-Krise beschlossenen wurde, weitreichende Möglichkeiten, länderübergreifend zu ermitteln. Je nach Ausgang der Untersuchungen könnte am Ende sogar die Sendelizenz für FOX auf dem Spiel stehen, für den Haus- und Hofkanal der amerikanischen Konservativen.