«Opfer in Verhandlungen einbezogen»

Seit Jahrzehnten bekämpfen sich in Kolumbien die Farc, eine linke Guerilla, und der Staat. Seit rund vier Jahren wird über Frieden verhandelt – mit guten Aussichten, wie Fabrizio Hochschild meint, der scheidende UNO-Friedenskoordinator in Kolumbien.

Sandra Weiss
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Herr Hochschild, wie beurteilen Sie den laufenden Friedensprozess?

Fabrizio Hochschild: Er ist in vielem weltweit einzigartig. Die Konfliktparteien verhandeln wirklich die Haupt-Konfliktgründe wie die Landfrage, die fehlende Entwicklung, den Drogenhandel oder wie man juristisch die Verbrechen aufarbeiten kann. Zudem waren die Verhandlungen beispielhaft, was den Einbezug der Opfer betrifft.

Bei den Verhandlungen in Havanna war die internationale Gemeinschaft vor allem Moderator. Welche Rolle muss sie nach einem Friedensschluss spielen?

Hochschild: Derzeit wird die internationale Gemeinschaft sehr beansprucht von anderen Krisen. Dennoch ist es wichtig, dass sie in Kolumbien präsent ist. Denn zum einen wird hier einer der ältesten Kriege der Welt beendet – und das ist eine gute Nachricht. Was hier passiert, hat regional und weltweit Auswirkungen. Kolumbien ist der grösste Kokainproduzent, das merkt man in Berlin und in Washington. So lange Krieg herrscht, ist der Kokaanbau nicht zu begrenzen. Dann ist Kolumbiens wirtschaftliches Potenzial enorm. Sogar im Krieg hatte es durchschnittlich ein Wachstum von vier Prozent jährlich.

Wer wird die Kosten für den Wiederaufbau tragen?

Hochschild: Den Grossteil muss Kolumbien selbst tragen. Der internationale Beitrag wird sich auf höchstens fünf Prozent der gesamten Kosten belaufen. Trotzdem ist er wichtig, denn dieses Geld wird in die ärmsten Gebiete gehen und kann die Türen öffnen für den Staat.

Wo sehen Sie die grösste Bedrohung für den Frieden, wenn der Vertrag einmal unterzeichnet ist?

Hochschild: Die Organisierte Kriminalität ist ein Phänomen, das unterschätzt wird und grosses Gefährdungspotenzial birgt. Diese Gruppen begannen mit Drogenhandel, haben sich inzwischen aber diversifiziert und finanzieren sich auch aus illegalem Rohstoffabbau und Schutzgelderpressung. Sogar den Ärmsten wird eine Kriegssteuer abgepresst, was die Armut vergrössert. Die Kriminellen sind sehr flexibel, gut organisiert und profitorientiert. Sinkt der Kokainpreis, schürfen sie illegal mehr Gold und umgekehrt. In anderen Friedensprozessen wie jenem in Nepal konnte man die Guerilla entwaffnen und dann überlegen, was man mit ihr macht. Hier ist das undenkbar, denn die Kämpfer würden sofort von Kriminellen umworben.

Weshalb ist das so?

Hochschild: Das Sicherheitsmodell des Staats ist unzureichend, da es auf Guerillakrieg eingestellt ist, nicht auf die Bekämpfung des Organisierten Verbrechens. Was uns blüht, kann man in Städten wie Tumaco sehen, wo zwar mittlerweile Hundertschaften des Militärs stationiert sind, wo die illegalen Geschäfte aber wegen Korruption weitergehen. Kolumbiens Problem ist, dass es mehr Land hat als Staat. Vielerorts war nie ein Rechtsstaat vorhanden. Es gibt nichts, woran man anknüpfen könnte.

Sechs Millionen Menschen wurden vertrieben, acht Millionen Hektar Land geraubt. Das dürfte doch auch ein Riesenproblem werden?

Hochschild: Kolumbien hat mit Wiedergutmachungen schon lange begonnen. In meinen 30 Jahren habe ich in keinem anderen Land einen so umfassenden Prozess der Erfassung der Opfer erlebt. Aber die Proportionen sind riesig, und in drei Jahren sind nur fünf Prozent der Ansprüche beglichen worden.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang ein Friedensschluss?

Hochschild: Ich denke, dass der Friedensschluss den Prozess sehr beschleunigt. Man darf die konkreten Probleme aber nicht unterschätzen. Oft wollen Vertriebene Land zurück, auf dem inzwischen andere Opfer leben. Kolumbien hat leider kein ordentliches Landregister; für über 60 Prozent des Landes gibt es keine Titel. Es ist daher sehr kompliziert, den rechtmässigen Eigentümer festzustellen, und das löst neue Gewalt aus.