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OLYMPISCHE SPIELE: Keine Angst, wenig Freude

Die verfeindeten Koreas nähern sich einander an und sollen bei der Eröffnungsfeier unter gemeinsamer Flagge ins Stadion einlaufen. Doch Freude will in Südkorea nicht aufkommen.
Felix Lee, Seoul
Eine nordkoreanische Delegation aus Sportlern und Funktionären trifft im südkoreanischen Gangneung ein. (Bild: Jeon Heon-Kyun-Pool/Getty (Gangneung, 1. Februar 2018))

Eine nordkoreanische Delegation aus Sportlern und Funktionären trifft im südkoreanischen Gangneung ein. (Bild: Jeon Heon-Kyun-Pool/Getty (Gangneung, 1. Februar 2018))

Felix Lee, Seoul

Als Frank Sinatras «My way» erklingt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Chang Che Shun schliesst seine Augen. Verträumt wippt er zur Musik seinen Kopf hin und her. Seine Frau Jin Jo sitzt neben ihm. Sie summt dazu. Der Kaffee ist schwarz, kein Milchschaum, auch keine andere Spezialität, einfach nur Filterkaffee. «Seoul ist voll von Cafés», sagt der 70-Jährige. Aber Läden in seinem Geschmack seien rar. Deswegen kämen er und seine Frau regelmässig zur «Musicbox».

Die «Musicbox» ist ein Café in Jongno, einem der wenig verbliebenen alten Viertel von Seoul. Filmplakate, auf denen Audrey Hepburn oder Clark Gable zu sehen sind, schmücken die Wände. Eine Lichterkette schmückt am Eingang eine nachgebaute Box, in der ein DJ sitzt und Schallplatten auflegt – so wie es in den Sechzigerjahren üblich war.

Sehnsucht nach der Vergangenheit – die ist bei den älteren Leuten in Seoul oft anzutreffen. Zu viel hat sich in Südkorea in den letzten Jahren zu rasch verändert. In der südkoreanischen Hauptstadt ist alles Alte abgerissen. Die jungen Leute haben andere gesellschaftliche Werte, einen völlig anderen Lebensstil. Das prägt auch die Einstellung zu den dominierenden Themen dieser Tage: Nordkorea – und die Olympischen Spiele. «Ja, wir wollen die Wiedervereinigung», sagt Chang. «An diesem Ziel müssen wir festhalten.» Andernfalls werde es nie Frieden geben.

Gespaltene Gesellschaft

«Wir verzeichnen eine Spaltung der Gesellschaft entlang von Alterslinien», beschreibt Go Myong Hyun das Phänomen. Der 40-jährige Politologe sitzt im modernen Bau des Asan Institute for Policy Studies in einem vornehmen Stadtteil von Seoul. Die ältere Generation befürworte einen engen Austausch mit dem Norden und hänge «einer romantischen Vorstellung von nationaler Einheit an», sagt Go. Die Jüngeren könnten mit Kims Regime dagegen nichts anfangen. «Es nervt sie, dass ihre schönen Winterspiele plötzlich zum Propagandafest des skurrilen Nachbarlandes mutiert sind.» Cloé Jung zuckt gleichgültig mit den Achseln. Ja, die auf Seoul gerichteten Raketen seien eine Bedrohung, sagt die Moderatorin. Doch Angst habe sie keine. «Was solle schon passieren?», fragt sie. Seit sie geboren ist, lebt sie mit der Bedrohung. Ihre Eltern ebenso. «Wir kennen es nicht anders.»

Sie sitzt im Café Ma Non Troppo in Seouls angesagtem Stadtviertel Hannam. Stühle und Tische im Stile eines Wiener Kaffeehauses füllen den Raum. Es duftet nach Orangenschalen. «Wir Südkoreaner haben es uns bequem gemacht», sagt sie. Hoffnungen, dass der Konflikt demnächst gelöst werden könnte, hegt die 36-Jährige jedoch keine. Sie habe in ihrem Leben schon so häufig zu hören bekommen, dass die beiden Koreas sich annäherten – um sich dann wieder zu verkrachen. Wirklich passiert ist nichts. «Warum sollte das dieses Mal anders sein?»

Vor etwas mehr als einem Monat standen sich Nord- und Südkorea noch spinnefeind gegenüber. Pjöngjangs Machthaber Kim Jong Un wetterte gegen Südkorea, den «Vasallenstaat der USA». Zehntausende Artilleriegeschütze sind auf Seoul gerichtet. Und dann Nordkoreas Atomprogramm: Mehr als ein Dutzend Langstreckenraketen hat das Regime in Pjöngjang im vergangenen Jahr abgeschossen – und eine Wasserstoffbombe getestet.

Doch zum Jahreswechsel kommt die plötzliche Wende: Der nordkoreanische Machthaber äussert in seiner Neujahrsrede den Wunsch nach Annäherung und der Teilnahme an den Olympischen Winterspielen, die am 9. Februar im südkoreanischen Pyeongchang beginnen, gerade einmal 60 Kilometer von der Grenze entfernt.

Seitdem geht es Schlag auf Schlag. Treffen in Panmunjom, dem Dorf mitten in der entmilitarisierten Zone, das erste zwischen ranghohen Vertretern seit mehr als zwei Jahren. Dann die Einigung auf einen gemeinsamen Einmarsch der Teams beider Länder unter der blauweissen Wiedervereinigungsflagge und ein gemeinsam aufgestelltes Eishockey-Damenteam. Klar, eine Wiedervereinigung sei «eine schöne Sache», sagt Cloé – aber nicht realistisch.

«70 Jahre Trennung sind eine lange Zeit»

Schon jetzt hätten Flüchtlinge aus Nordkorea grosse Probleme, sich in Südkorea zurechtzufinden. Abgesehen von der gemeinsamen Sprache gebe es kaum noch Gemeinsamkeiten. Die Arbeitsmoral sei anders, ihr Bildungsgrad niedrig, sie würden sich anders verhalten. Es gebe nicht einmal mehr viele verwandtschaftliche Verbindungen. «70 Jahre Trennung sind eben eine lange Zeit», sagt Cloé. Derzeit kämen gerade einmal wenige Dutzend nordkoreanische Flüchtlinge im Jahr. «Wie soll es werden, wenn die Grenze offen ist und Millionen Nordkoreaner in den Süden kommen?»

«Annäherung zwischen beiden Koreas schön und gut», sagt Cloé. Doch das gehe ihr nun doch zu weit. In den vergangenen Wochen hat sie mehrere Veranstaltungen im Rahmen des Olympischen Fackellaufs moderiert und die südkoreanischen Athleten angefeuert. Sie freue sich auf die Spiele. Dass nun aber südkoreanische Eishockey-Spielerinnen Nordkoreanerinnen Platz machen müssen, findet sie unfair. So viel Annäherung müsse dann doch nicht sein.

Südkoreas Presse übt noch schärfere Kritik. Präsident Moon Jae In, ein Linksliberaler, der um eine Versöhnung bemüht ist, habe sich vom Regime in Pjöngjang zu schnell abspeisen lassen. Nordkorea werde den Südkoreanern die Show stehlen, wettern die Konservativen im Parlament. Die Winterspiele in Pyeongchang seien «Pjöngjang-Spiele», spotten ausländische Medien.

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