Österreichs Ex-Vizekanzler Strache: «Es wurde ein Weg gesucht, mich politisch zu vernichten»

Der ehemalige Vizekanzler Heinz-Christian Strache sieht sich als Opfer einer Intrige. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen Politik und Ermittler.

Stefan Schocher aus Wien
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Stolperte über die «Ibiza-Affäre»: Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache.

Stolperte über die «Ibiza-Affäre»: Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache.

Michael Gruber / AP

Sie haben vor dem Untersuchungsausschuss Anfang Juni von einem «langjährigen Plan» zu ihrer Vernichtung gesprochen. Wie sich nun zeigt, war das Video, das Sie in einer Finca auf Ibiza zeigt, doch eher dilettantisch vorbereitet. Bleiben sie bei ihrer Darstellung: ein langjähriger Plan?

Heinz-Christian Strache: Diese Darstellung ist ja nicht meine. Teile des in den Medien veröffentlichten Zwischenberichtes der Sonderkommission zeigen, dass bereits ab 2012/2013 daran gearbeitet wurde einen Weg zu finden, um mich zu erpressen und politisch zu vernichten. Für Sie mag das dilettantisch sein, für mich zeigt sich aber, dass mein Verdacht, hier Opfer einer über einen jahrelangen Zeitraum geplanten Intrige geworden zu sein, offenbar stimmt. Man hat nur nichts in der Hand gehabt, weshalb dann offensichtlich die Idee des Videos geboren wurde – auf welchem, und ich betone dies noch einmal, keine illegale Handlung stattgefunden hat.

Wieso diese Intrige? Und von wem?

Es muss ja nicht sein, dass alle Mitglieder der Ibiza-Bande die gleichen Ziele verfolgten. Manchen wird es um Geld gegangen sein, während andere anscheinend von Neid und Hass angetrieben worden sind. Möglicherweise hat auch die Eifersucht einer ehemaligen Bekannten eine Rolle gespielt. Genauso wissen wir, dass das Video ja bereits vor 2019 mehreren Personen – auch mit politischen Verbindungen – angeboten wurde. Die Frage ist, wer wusste wann von dessen Existenz? Weshalb wurde ich nicht früher über die Existenz informiert? Es wird hier noch einige Überraschungen geben.

Wurde Ihnen das Video angeboten oder haben sie versucht, es zu kaufen?

Beides kann ich verneinen.

Welche Rolle spielt Johann Gudenus? Er wurde ja vorgewarnt.

Das wird sich noch zeigen. Er war auf jeden Fall leichtsinnig und wollte aus seiner engen Beziehung zu mir auch finanziellen Nutzen ziehen. Leider sieht es so aus, als hätte hier auch Drogenkonsum mit den Lockvögeln stattgefunden, was auf mehr als eine flüchtige Bekanntschaft schließen lässt. Wurde Gudenus erpresst oder war er – um mit Lenin zu sprechen – einfach ein nützlicher Idiot? Ich weiß es nicht.

Sie haben die Mauscheleien um die «Kronen-Zeitung» als einmalige Sache dargestellt. Jetzt zeigt sich: das war keinesfalls einmalig.

Man muss mit Begriffen wie Mauscheleien etwas vorsichtiger umgehen. Wir konnten in den letzten Wochen ja miterleben, dass die Berichterstattung vor allem bezüglich meiner Person einiges an Objektivität vermissen lässt. Mein Vorschlag war, auf völlig legale Weise Anteile an einer Zeitung zu erwerben, in der Hoffnung, dass dann in den Redaktionsstuben etwas mehr ideologische Vielfalt herrschen würde. Sie nennen das Mauscheleien, ich nenne das ein notwendiges Element einer wahren freien Presse, welche objektiv und von unterschiedlichen Standpunkten aus berichtet.

Was die Ermittlungen angeht: Hat ihr einstiger Koalitionspartner Interesse, dass das Video nicht in voller Länge veröffentlicht wird?

Hier ist natürlich viel Platz für Spekulationen, aber ein paar Dinge sind mittlerweile klar. Es existieren hier zwei Behörden, welche sich gegenseitig in ihren Ermittlungen behindern und gleichzeitig selektiv an bestimmte Medien vertrauliche Informationen sickern. Beides ist eines Rechtsstaates unwürdig. Egal was man von HC Strache halten mag, auch ich habe das Recht auf Gleichbehandlung durch die Justiz, und es macht mich fassungslos, dass offensichtlich diese ständigen Verletzungen der Grundlagen des Rechtsstaates scheinbar niemanden interessieren. Warum sich die ÖVP so gegen die Veröffentlichung des Videos wehrt ist eine gute Frage – am besten stellen sie diese den Herrschaften Kurz und Sobotka.

Was denken Sie?

Weil es langsam auch den schwerfälligsten Denkern dämmert, dass HC Strache zwar Vizekanzler, aber nicht Alleinherrscher war. Das wird Ihnen jetzt vielleicht schwer fallen zuzugeben, aber alle diese angeblichen Skandale sind ja keine. Dass Regierungsparteien ein gewichtiges Wort bei der Vergabe von Posten in staatsnahen Betrieben haben, ist ja wohl klar. Das wurde auch immer so gehandhabt, nur wenn HC Strache Vizekanzler ist, redet man plötzlich vom Postenschacher. Aber wenn es über die türkisen Netzwerke läuft, scheint anscheinend alles ok zu sein. Die ÖVP möchte gerne als Saubermannpartei dastehen und hofft, von Wahlkampfkostenüberschreitungen bis Postenbesetzungen alles auf mich und meine damalige FPÖ abzuwälzen.

Ist nun endlich Aufklärung in der Ibiza-Affäre zu erwarten?

Das wird sich zeigen. Aber eines kristallisiert sich mehr und mehr heraus. Das Ibiza Video war ein Anlass, aber der wahre Skandal liegt mittlerweile woanders: Die Art und Weise wie hier ermittelt wird und wurde, das Leaken an Medien, das Ignorieren potenziell wichtiger Zeugen, Hausdurchsuchungen aufgrund von anonymen Verleumdungen und Anzeigen, die selektive Beschlagnahmung von Handys, das gegenseitige Sabotieren und die widersprüchlichen Aussagen der beteiligten Behörden. Angeblich zeigt das Ibiza-Video ein Sittenbild – meinetwegen, aber welches Sittenbild zeigen dann die Ermittlungen? Gleichheit vor dem Gesetz und der Wunsch nach voller Aufklärung sehen anders aus.

Über Sie brechen derzeit die Skandale im Wochentakt herein, die ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellen. Malen Sie sich noch realistische Chancen bei der Wien-Wahl aus?

Nur weil jemand Skandal schreibt, ist es noch lange keiner. Wir haben mittlerweile den Punkt erreicht, wo meine Apothekenrechnungen Schlagzeile sind und eine angebliche Trennung von meiner Frau frei erfunden wird. Aber reden wir einmal Klartext: Im Vergleich zu Ischgl, wie viele Menschenleben hat Ibiza gefordert? Sie sprechen von Glaubwürdigkeit – ich bin damals sofort zurückgetreten und stelle mich jetzt erneut dem Wähler. In Tirol gab es keinen einzigen Rücktritt, obwohl das Versagen dort wesentlich schlimmere Konsequenzen hatte als dieses peinliche Video.

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