ÖLFIRMA: Zweites Standbein russischer Rohstoffwirtschaft

Der russische Staatskonzern Rosneft, bei dem der deutsche Exkanzler Gerhard Schröder anheuern will, ist riesig, aber weder transparent noch effizient. Ausserdem leidet er unter den Sanktionen des Westens.

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Die Bewerbung bei Rosneft sei eine private Entscheidung, sagte Gerhard Schröder. Der deutsche Altbundeskanzler äusserte sich gestern gegenüber dem «Blick» zu den Beweggründen für seinen voraussichtlichen Einstieg beim russischen Staatskonzern Rosneft. «Ich bin der Auffassung, dass die Integration Russlands in die Weltwirtschaft und die Inte­gration der Energiewirtschaft Russlands von grosser Bedeutung ist», so Schröder. Zudem besitze Rosneft erhebliche Interessen in Deutschland, speziell im Osten.

Schröder hat beste Aussichten, am 29. September in den Aufsichtsrat der Ölfirma gewählt zu werden. Das Jobangebot mit einem Bruttojahresgehalt von etwa 500 000 Dollar ist in Deutschland heftig umstritten. Es wäre nicht Schröders erster Russland-Posten, seit Ende 2005 sitzt er dem Aktionärsausschuss der Gazprom-Tochter Nord­stream vor. Rosneft aber gilt neben Gazprom als zweites Standbein der russischen Staatsrohstoffexportwirtschaft.

Rosneft-Chef enger Vertrauter von Putin

Rosneft besitzt grössere Ölreserven als jedes andere Unternehmen der Welt – 37,7 Milliarden Barrel Öläquivalent. Firmenchef Setschin gilt als enger Vertrauter Wladimir Putins. Wie Putin hat auch er KGB-Überfahrung, diente ihm als Chefsekretär in der Petersburger Stadtverwaltung und der Moskauer Regierung. «Setschin ist ein Teil der Gehirnzellen Putins», sagte ein Minister 2004 der Zeitschrift «Time».

Das Gespann soll dafür gesorgt haben, dass bei der Zerschlagung des Jukos-Konzerns 2004 die Filetstücke der vormals grössten russischen Ölfirma bei Rosneft landeten. 2013 erwarb Rosneft den damaligen Branchendritten TNK-BP. Experten schätzen, Rosneft habe sich seit Putins Machtantritt inländische Aktiva im Wert von insgesamt 88 Milliarden Dollar angeeignet. Der Konzern expandiert auch im Ausland, in Deutschland hat er sich in die Raffinerien, RSK, Miro und Bayernoil eingekauft. Setschin selbst verkündete stolz, Rosneft stelle 5000 deutsche Arbeitsplätze sicher. Zu Hause aber hat der Konzern hohe Schulden angehäuft: zum Jahreswechsel insgesamt umgerechnet 62,6 Milliarden Dollar. Kritiker werfen Rosneft Vetternwirtschaft und Missmanagement vor. Wie auch Gazprom hat Rosneft praktisch kaum eigene Technologien entwickelt. So engagierte man etwa bei der Erschliessung des 1,4-Milliarden-Barrel-Ölfeldes Wankerskoje in Ostsibirien ausländische Ingenieursfirmen wie Schlumberger oder SNC Lavalin. Und man setzt auf Kooperation mit westlichen Rohstoffkonzernen, vor allem mit dem US-Branchenführer ExxonMobil. Rosneft und ExxonMobil schlossen 2011 eine strategische Partnerschaft ab, bei der es um schwer erschliessbare Ölfunde in der Arktis und dem Schwarzen Meer ging. Setschin und der damalige Exxon-Chef Rex Tillerson sollen damals regelmässig ­gemeinsam Motorrad gefahr­en sein.

Aber Rosneft steht ganz oben auf der Liste der Sanktionen, die der Westen nach der Krim-Krise gegen Russland verhängt hat. Tillerson ist inzwischen US-Aussenminister, aber westlichen Firmen bleibt der Verkauf von Technik und Know-how an russische Rohstoffförderer verboten.

Gerhard Schröder steigt also bei einer Firma ein, die mehr Transparenz und Effektivität braucht. Oder eine stärkere Lobby im Westen. «Ich glaube nicht, dass Schröder Rosneft helfen kann», sagt der Petersburger Wirtschaftsexperte Dmitri Trawin. «Er ist kein Fachmann im Ölgeschäft, weiss auch nicht, wie russische Betriebe funktionieren.» Aber es sei gut möglich, dass Schröder angeheuert wurde, um mit seinen alten Beziehungen in der westlichen Politik Rosnefts internationale Position zu stärken. Und um vielleicht sogar die Sanktionen zu Fall zu bringen. «Diese Sanktionen erfüllen ihre Funktionen nur bedingt», erklärte Schröder gestern.

Stefan Scholl, Moskau