Öffnung schon Anfang Juni: Warum Italien an den Grenzen vorprescht - und was das für Schweizer Touristen heisst

Italien zieht völlig überraschend die Schlagbäume hoch. Im Land selbst öffnen Strände und Cafés. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Dominik Straub aus Rom und Remo Hess aus Brüssel
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Italiens Gastro-Betriebe wie hier in Mailand putzen sich raus: Ab diesem Montag dürfen sie öffnen. Auch die Landesgrenzen gehen bald auf.

Italiens Gastro-Betriebe wie hier in Mailand putzen sich raus: Ab diesem Montag dürfen sie öffnen. Auch die Landesgrenzen gehen bald auf.

Bild: Matteo Corner/EPA

1. Was gilt an den italienischen Grenzen – und ab wann?

Ab dem 3. Juni sollen Reisende aus allen EU-Ländern wieder ohne Grenzkontrollen nach Italien fahren können. Gleichzeitig werden auch die Grenzen zwischen den einzelnen italienischen Regionen wieder geöffnet. «Diese Grenzöffnungen werden den Grundstein zur Erholung des Tourismus legen», betonte Regierungschef Giuseppe Conte. Tatsächlich befindet sich die Branche, von der in Italien Millionen Arbeitsplätze abhängen und die 13 Prozent zum Bruttosozialprodukt des Landes beiträgt, in einem erbarmungswürdigen Zustand – vor allem in Städten und Regionen, die hauptsächlich auf ausländische Gäste angewiesen sind.

2. Was ändert sich de facto?

Die Öffnung der Landesgrenzen dürfte zumindest in den ersten Wochen keine allzu grosse Wirkung zeigen: Der deutsche Aussenminister Heiko Maas hat angekündigt, dass die Reisewarnung des Auswärtigen Amts für Italien noch bis mindestens 15. Juni aufrechterhalten bleibe. Auch die Grenzen der Schweiz, Österreichs und Frankreichs zu Italien bleiben noch bis 15. Juni zu – oder noch länger. Begründet wird dies mit dem Verlauf der Pandemie, der in Italien nach wie vor kritisch sei.

3. Hat Italien die Coronakrise noch nicht unter Kontrolle?

Das mag für die am stärksten von Covid-19 betroffene Lombardei teilweise noch zutreffen – doch in allen Regionen südlich davon ist die Situation nach dem längsten und härtesten Lockdown Europas unter Kontrolle. In den süditalienischen Regionen Apulien, Kalabrien, Sizilien und der Basilicata, wo die Pandemie gar nie richtig ausgebrochen war, bewegt sich die Zahl der Neuinfektionen im unteren zweistelligen Bereich; Todesfälle gibt es oft tagelang keine. Landesweit sind die Todesfälle auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Monaten gefallen; die Zahl der Covid-Patienten auf den Intensivstationen hat sich von über 4000 auf 775 reduziert.

4. Im Land gelten ab diesem Montag neue Regeln – welche?

Seit dem 9. März, also seit zehn Wochen, waren sie geschlossen: Trattorien, Restaurants, Bars, die meisten Hotels, Coiffeure, Schönheitssalons, Läden des Einzelhandels. Am Montag dürfen sie alle wieder öffnen – vorausgesetzt, dass die inzwischen alltäglich gewordenen Sicherheitsstandards wie die Einhaltung eines Abstands von einem Meter und das Tragen von Masken in geschlossenen Räumen eingehalten werden. Auch die Bezahlstrände können öffnen.

So ruhig und still, so frei von Massentourismus wie jetzt wird man Venedig nie mehr zu sehen bekommen

5. Ist der Sommer nun für italienische Hoteliers gerettet?

Trotz der beschlossenen Massnahmen im Land und an den Grenzen sind italienische Hoteliers pessimistisch für dieses Jahr. Viele befürchten, dass die Bilder der Militär-Camions, die in Bergamo die Särge mit den Covid-Toten abtransportierten, sich in die Erinnerung der ausländischen Touristen eingebrannt haben könnten. «Ich schätze, dass etwa ein Drittel der Hotels in Rom dieses Jahr nicht mehr aufmachen werden», erklärt Giuseppe Roscioli, Präsident des lokalen Hotelierverbands Ferderalberghi. In Venedig, Florenz, Neapel, an der Amalfi-Küste und an den Adria-Badeorten Jesolo und Rimini ist die Stimmung unter den Hoteliers nicht viel besser. Es gibt aber auch Ausnahmen. «So ruhig und still, so frei von Massentourismus wie jetzt wird man Venedig nie mehr zu sehen bekommen», betont Marianna Serandrei, Geschäftsführerin des 4-Sterne-Hotels Saturnia & International am Markusplatz.

6. Italien öffnet die Grenze scheinbar im Alleingang. Findet keine Koordination auf EU-Ebene statt?

Nein. Die EU-Kommission hat den Mitgliedstaaten zwar vergangene Woche einen Leitfaden bereitgestellt, welche Kriterien sie bei Grenzöffnungen anwenden sollen. Die Entscheidung, welche Grenze wo aufgeht, ist aber alleinige Kompetenz der Mitgliedstaaten und wird bilateral zwischen den EU-Hauptstädten abgesprochen.

7. Haben die anderen Länder Italien ausgesperrt?

So sieht es aus. Die Schweiz, Österreich, Deutschland und Frankreich diskutierten die Grenzöffnungen vergangene Woche untereinander. Niemand sah aber die Grundlagen gegeben, um eine Lockerung mit Italien zu besprechen.

8. Was heisst das für Schweizer Italien-Touristen?

Theoretisch können sie im Sommer in Italien Ferien machen. Die Schweiz kann ihre Bürger nicht an der Ausreise hindern. Auch die Rückkehr ist für Schweizer und Schweizerinnen jederzeit möglich.

9. Was machen Frankreich und Österreich?

Frankreichs Innenminister Christophe Castaner reagierte am Samstag überrascht von Italiens Ankündigung. Die Grenze zwischen Italien und Frankreich war zwar bis jetzt schon offen. Aber wegen der Ausgangssperre beiderseits kam es zu keinen Bewegungen, eine Regelung an der Grenze war deshalb gar nicht nötig. Vorstellbar ist nun, dass Frankreich die Grenze einseitig schliesst und eine zweiwöchige Quarantäne für Rückkehrer verhängt. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz sagte am Freitag, es gebe «keine Perspektive» auf eine baldige Öffnung. Rückkehrer müssen ebenfalls mit einer zweiwöchigen Quarantäne rechnen.