Obama tröstet die Amerikaner

Der US-Präsident hat an der Gedenkfeier für die Opfer des Attentats von Tucson eine bewegende Rede gehalten. Ob sein Aufruf zur Versöhnlichkeit im politischen Streit wirkt, ist fraglich. Sarah Palin hat neues Öl ins Feuer gegossen.

Urs Bader
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Präsident Obama umarmt Mark Kelly, den Mann der angeschossenen Abgeordneten Gabrielle Giffords. (Bild: ap/Chris Carlson)

Präsident Obama umarmt Mark Kelly, den Mann der angeschossenen Abgeordneten Gabrielle Giffords. (Bild: ap/Chris Carlson)

Dass US-Präsident Barack Obama mitreissende, rhetorisch und intellektuell brillante Reden halten kann, das wusste man. Sie haben ihm geholfen, überhaupt erst ins Amt zu kommen. An der Trauerfeier für die Opfer des Blutbads von Tucson konnten die USA, konnte die Welt nun einen amerikanischen Präsidenten erleben, der mit einfachen, warmen Worten die Menschen auch anrühren und Trost spenden kann. «Unsere Herzen sind gebrochen», sagte er und erinnerte an jedes einzelne Opfer in persönlichen Worten. Heldentum könne man man nicht nur im Krieg erleben, sondern auch durch Dienst am Gemeinwohl. Als Obama von der getöteten neunjährigen Christina Green sprach, war der mächtigste Mann der Welt ganz Vater, der er ja auch ist.

Sich nicht in Streit verstrickt

Die persönliche Würdigung der Opfer und couragierter Überlebender war gewissermassen der unpolitische Teil von Obamas Rede. Gespannt war das Land aber vor allem auch darauf, was er zum giftigen Streit zwischen den politischen Lagern sagen würde, der nach dem Anschlag von Tucson eskalierte. Die Tea-Party-Bewegung und Sarah Palin sowie konservative Republikaner sind von demokratischer Seite beschuldigt worden, unter anderem wegen ihrer martialischen Rhetorik mitschuldig am Blutbad zu sein. Republikaner warfen umgekehrt den Demokraten vor, sie würden es für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren.

Obama verstrickte sich in seiner Rede nicht in diesen Streit. Hier war er in seiner Rolle als Landesvater gefordert. Wenn sich eine Tragödie wie diese ereigne, sei es Teil unserer Natur, nach Erklärungen zu verlangen und zu versuchen, ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen. «Diese Tragödie kann aber nicht als weitere Gelegenheit genutzt werden, aufeinander loszugehen.» Der Präsident rief die Amerikaner zu einem «zivilen Umgang» miteinander auf und zu Versöhnung. «In einer Zeit der polarisierten Debatten ist es wichtig für uns, für einen Moment innezuhalten und sicher zu gehen, dass wir miteinander in einer Weise reden, die heilend wirkt, nicht verletzend.»

Bei aller Zurückhaltung kritisierte Obama aber gleichwohl die politische Klasse, beklagte «politische Phrasendrescherei, das Schielen auf Vorteile, die Kleinlichkeit». «Nur ein ziviler und ehrlicher öffentlicher Diskurs kann uns helfen, unsere Probleme als Nation anzugehen.»

Beruhigt die Rede?

Ob Obamas Rede in nächster Zeit die politischen Gemüter beruhigen wird, ist noch ungewiss. Er war aber zur Präsidentschaft angetreten gerade mit dem Ziel, die Gräben in der amerikanischen Gesellschaft zuzuschütten. Das Gegenteil ist eingetreten, die Gräben sind noch tiefer geworden. Vielleicht sind nun aber die neuen Machtverhältnisse in Washington mit einer neuen republikanischen Mehrheit im Repräsentantenhaus eher auf Kompromiss angelegt als die zwei Jahre mit demokratischer Dominanz im Kongress. Die «New York Times» hat jetzt nüchtern oder ernüchtert geschrieben: «Obamas Rufe nach einem Ende der brutalen Parteilichkeit in Washington haben in den vergangenen zwei Jahren wenig Wirkung gezeigt. Niemand kann wissen, ob sein ähnlicher Appell unter diesen tragischen Umständen mehr Wirkung haben wird.»

Erste Reaktionen stimmen einen eher skeptisch. Gleich nach der Rede wurde von rechter Seite kritisiert, sie habe zu sehr nach Wahlkampf getönt, sie sei zu laut und zu lang gewesen – verglichen mit früheren präsidialen Reden in ähnlich dramatischer Lage.

Videobotschaft von Sarah Palin

Skeptisch stimmen muss einen aber vor allem eine Videobotschaft, die Sarah Palin, die Ikone der Rechten, wenige Stunden vor Obamas Rede veröffentlichte. Allein dieser Zeitpunkt macht klar – sie und ihre Berater wollten den öffentlichen Echoraum nicht dem Präsidenten überlassen. Noch bevor der Landesvater sprach, sollten die Leute ihre Botschaft hören. Aber es ging dabei nicht nur um diese Botschaft, sondern Palin wollte dem Präsidenten auch klar machen, wie gering sie ihn achtet.

In der Attitüde einer Staatsfrau – sie empfahl sich damit erneut als Präsidentschaftskandidatin – hat auch sie sich an die Nation gewandt. In erzliberaler Tradition sieht sie im Attentäter von Tucson «einen einzelnen bösen Mann». Niemand sonst treffe irgendeine Schuld, gleichwohl würden nun Journalisten und Experten eine «blutige Verleumdung fabrizieren, die genau den Hass und die Gewalt schüren, die sie angeblich verurteilen».

Palin betrieb ungerührt ihren national-konservativen Kulturkampf, als sie «die Grösse Amerikas und seine grundlegenden Freiheiten» für ihre Seite beanspruchte, während die andere Seite dies alles nur verlache.

Bei Barack Obama hiess dies später ganz anders: «Wir sind alle Amerikaner, und wir können die Ideen der andern diskutieren, ohne ihre Liebe für ihr Land in Frage zu stellen.»