OBAMA IN DEUTSCHLAND: „Wir können uns nicht hinter einer Mauer verstecken“

Barack Obama war der Star-Gast beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Bei seiner gemeinsamen Diskussion mit Kanzlerin Angela Merkel am Mittag grenzte der Ex-US-Präsident sich deutlich von seinem Nachfolger Donald Trump ab. Gekommen war er aber vor allem, um Merkel Wahlkampfhilfe zu leisten.

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Zum Schluss seines Auftrittes unterstrich Obama seine Liebe zur deutschen Hauptstadt: «I love Berlin». (Bild: Keystone)

Zum Schluss seines Auftrittes unterstrich Obama seine Liebe zur deutschen Hauptstadt: «I love Berlin». (Bild: Keystone)

Isabelle Daniel, Berlin

Eigentlich war es ein Heimspiel für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Angesichts der Begeisterung, die Barack Obama schon im Vorfeld seines heutigen Berlin-Besuches entgegenschlug, hätte man jedoch meinen können, es sei der Ex-US-Präsident, der vor heimisches Publikum zurückgekehrt sei. Gemäss Schätzungen der Polizei begrüssten rund 80 000 Personen, viele von ihnen mit den orangefarbenen Schals des diesjährigen Deutschen Evangelischen Kirchentages ausgestattet, Obama vor dem Brandenburger Tor in Berlin.

„Welcome Home“, stand auf offensichtlich an den amerikanischen Gast gerichteten Schildern, die Besucher des Evangelischen Kirchentages in die Höhe streckten. Und, als Referenz auf John F. Kennedys berühmte Rede vor dem Rathaus Schöneberg im Jahr 1963: „Du bist ein Berliner“.

Ungebrochene „Obamanie“

Dabei war es für Obama, der seine Liebe zur deutschen Hauptstadt unterstrich („I love Berlin“), erst der vierte Besuch in Deutschland – und der dritte, in dem das Brandenburger Tor eine zentrale Rolle spielt. Bereits als amtierender US-Präsident 2013 war Obama hier aufgetreten – eine heiss ersehnte Premiere. Denn schon zuvor hätte Obama diese Kulisse gern genutzt: Im Juli 2008, mitten im US-Präsidentschaftswahlkampf, tourte der damalige US-Präsidentschaftskandidat durch Europa – und wollte auch vor dem Berliner Wahrzeichen sprechen – nicht zuletzt, weil das Brandenburger Tor spätestens seit Ronald Reagan („Mr. Gorbachev, tear down this wall“) auch US-amerikanischen Politikern als staatsmännisches Symbol dient.

Doch damals war Merkel dem jungen Politaufsteiger dazwischengefunkt. Anstatt vor dem Brandenburger Tor wurde 2008 die erste Berliner Obama-Rede vor die Siegessäule verlegt. Dort fanden sich bei einer Rekordhitze von mehr als 35 Grad mehr als 200 000 Personen zusammen und bekundeten auf euphorische Art ihre Sympathie für Obama. Merkel, deren nüchterner Kommunikationsstil in krassem Kontrast zu Obamas charismatischer Art steht, hatte damals ihre Skepsis für diese „Obamanie“ kaum verhehlen können.

„Eine meiner Lieblingspartnerinnen“

Von diesem holprigen Start im Verhältnis zwischen Angela Merkel und Barack Obama ist heute nichts mehr zu spüren. Im Wahljahr 2017 sitzt Merkel sichtlich gern auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor, über dem während der gesamten Veranstaltung Polizeihubschrauber kreisten. Obama enttäuschte seine Quasi-Gastgeberin nicht: Seine wichtigste Botschaft wurde der Ex-US-Präsident gleich zu Beginn der Podiumsrunde mit der deutschen Kanzlerin los. „Angela war während meiner Präsidentschaft eine meiner Lieblingspartnerinnen“, erklärte Obama, um im weiteren Verlauf des Gesprächs seiner Wertschätzung für die Bundeskanzlerin immer wieder Ausdruck zu verleihen.

Eine bessere Wahlkampfhilfe hätte Merkel sich kaum wünschen können. Denn obwohl das persönliche Verhältnis zwischen den beiden Spitzenpolitikern heute als ausgezeichnet gilt, kontrastieren sich ihre Kommunikationsstile freilich auch heute noch. Wieder einmal zeigte sich, dass Obama die Merkelsche Politik nicht nur besser kommunizieren, sondern auch besser verkaufen kann als die eigentliche Urheberin. So lobte der brillante Redner Obama vor dem Berliner Publikum Merkels Flüchtlingspolitik – ein Thema, das den Wahlkampf zur Bundestagswahl im September in hohem Masse bestimmten dürfte.

Deutlich auf Distanz zu Trumps Politik

Diese Gelegenheit packte Obama ausserdem beim Schopfe, um sich von seinem Nachfolger im Amt deutlich zu distanzieren. Direkt danach gefragt wurde er zwar nicht, doch Obama teilte auch so gegen Donald Trump aus – auf seine eigene Art. „Wir können uns nicht hinter einer Mauer verstecken“, sagte Obama etwa im Zusammenhang mit der durch die weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen entstehenden Herausforderungen für die Regierungen in Europa und den USA. „Wir sind zwar eine mehrheitlich christliche Nation. Wir sind aber auch eine muslimische, eine hinduistische und eine jüdische Nation“, fuhr Obama fort. Merkel hingegen hatte deutlich mehr Mühe, sich eindeutig zu einer pluralistischen Gesellschaft zu bekennen. „Deutschland ist nicht nur zutiefst christlich, sondern auch jüdisch geprägt. Und wir haben viele Muslime bei uns.“

Ob der vom früheren deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff geprägte Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ noch Gültigkeit hat, liess Merkel offen. Auch in der Flüchtlingspolitik äusserte sie sich jedoch deutlich restriktiver als in der Vergangenheit. „Wir müssen denjenigen helfen, die unsere Hilfe wirklich brauchen“, sagte die Kanzlerin in Anspielung auf die Debatte um sichere Herkunftsländer – und machte damit klar: Der Wahlkampf in Deutschland hat begonnen.

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