Nur ein militärischer Sieg

Die irakische Armee verkündet die «vollständige» Einnahme von Falluja. Der IS verliert eine wichtige Hochburg. Die politischen Probleme im zerrissenen Land sind damit aber nicht gelöst.

Michael Wrase
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Heftige Kämpfe in der irakischen Stadt Falluja. (Bild: ap)

Heftige Kämpfe in der irakischen Stadt Falluja. (Bild: ap)

LIMASSOL. Weil er innenpolitisch unter enormem Druck steht, hatte Iraks Premierminister Haidar al-Abadi die «Befreiung» der vor den Toren Bagdads liegenden Grossstadt Falluja bereits vor zehn Tagen verkündet. In der Hochburg des sogenannten Islamischen Staats (IS) tobten zu diesem Zeitpunkt noch schwere Kämpfe. Erst gestern gelang es der irakischen Armee nach eigenen Angaben, auch in den Golan-Bezirk von Falluja vorzudringen und damit die Kämpfer der Terrormiliz «endgültig» aus ihrer seit Januar 2014 gehaltenen Bastion am Euphrat zu vertreiben.

IS in der Defensive

Natürlich hat der IS die Erfolgsmeldungen prompt bestritten und «hartnäckigen Widerstand» angekündigt. Zu einer Rückeroberung von Falluja dürften die Jihadisten im Moment aber nicht in der Lage sein. Der IS befindet sich an allen Fronten in der Defensive.

Allein in Falluja soll die Miliz in den letzten sechs Wochen über 1500 ihrer Kämpfer verloren haben. Da der Sieg der irakischen Armee nicht von vertrauensbildenden Massnahmen zur Überbrückung der tiefen konfessionellen Gräben begleitet wird, kann eine Rückkehr der Jihadisten nach Falluja zu einem späteren Zeitpunkt jedoch nicht ausgeschlossen werden.

Bis zu 80 000 Menschen sind in den letzten Wochen aus der Stadt geflohen. Es handelt sich ausnahmslos um Sunniten, welche sich im von Schiiten dominierten Irak als Menschen zweiter Klasse fühlen.

Wie zutreffend diese Kategorisierung ist, zeigt sich gegenwärtig im Umgang mit den Flüchtlingen aus Falluja, die nach ihrer Vertreibung bei Temperaturen von nahezu 50 Grad nur unzureichend versorgt werden.

Sturm auf Mossul geplant

Vor allem die Jüngeren unter ihnen behandeln die schiitischen «Sieger-Milizen» wie Mitglieder oder Sympathisanten des IS. Folterungen sind an der Tagesordnung. Da die Einwohner von Falluja noch immer nicht als gleichberechtigte Bürger in die Zivilgesellschaft eingegliedert werden, könnten sich viele Sunniten schon bald dem IS oder einer anderen sunnitischen Terrormiliz anschliessen.

Die irakische Regierung weiss genau, dass sie den Kreislauf der Gewalt nicht weiter anfachen darf. Dennoch scheint Bagdad fest entschlossen zu sein, auch die IS-Hochburg Mossul anzugreifen. Dort leben über zwei Millionen Sunniten. Nach den bitteren Erfahrungen der Einwohner von Falluja stehen sie einer von Schiiten und Kurden geführten Offensive skeptisch bis ablehnend gegenüber.

Perfide Taktik

Im benachbarten Syrien werden die Gegner des IS dagegen nicht als Invasoren, sondern überwiegend als Befreier angesehen. Sunnitische Frauen entledigten sich demonstrativ des vom IS verlangten Niqab – einem Vollschleier mit Sehschlitz –, als die von Kurden dominierte «Demokratische Front Syriens» vor zwei Wochen Teile der nordsyrischen IS-Hochburg Manbidsch eroberte.

Um den Vormarsch zu stoppen, hat der IS inzwischen über 1000 kurdische Zivilisten als Geiseln genommen, um sie als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Mit einer ähnlichen Terror-Taktik sollte auch die Eroberung von Falluja verhindert werden.