«Nur als Krüppel überlebt»

Japan und Südkorea ziehen einen amtlichen Schlussstrich unter die Zwangsprostitution im Zweiten Weltkrieg und überspringen damit eine hohe Hürde in der Zusammenarbeit.

Angela Köhler
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TOKIO. Fast 25 Jahre dauerte der Staatsstreit über Schuld und Sühne, über Verbrechen und deren Leugnung, über Moral und materielle Entschädigung. Damals hatte die Koreanerin Kim Hak Soon öffentlich und unter Tränen berichtet, wie ihr von Japans Soldateska Jugend und Ehre geraubt wurden und wie sie seither mit einem sozialen Stigma belegt wird, wenn sie ihr Schicksal offenbart. Unterdessen sind fast alle damals jungen Koreanerinnen, die von Japans kaiserlicher Armee zur Prostitution in deren Militärbordelle gezwungen worden waren, gestorben oder ins Greisenalter gekommen, ohne dass ihnen je Gerechtigkeit widerfahren wäre. Gestern wurde nun endlich ein Strich unter diese unmenschlichen Geschehnisse gezogen.

In Bordelle gezwungen

Japan erkennt seine Schuld an, bekundet tiefes Bedauern, verspricht Entschuldigung und Entschädigung. Premier Shinzo Abe will sich bei nächster Gelegenheit öffentlich dazu äussern. Tokio zahlt umgerechnet gegen rund zehn Millionen Franken in einen südkoreanischen Fonds ein, der die noch lebenden «Trost- oder Komfortfrauen», wie sie Japan bisher offiziell nannte, für ihre Kriegsleiden entschädigen und finanziell unterstützen soll. Das ist nicht viel Geld in Relation zu den Leiden, aber für die Überlebenden auch mehr als nur eine symbolische Geste.

Laut südkoreanischen Historikern sind rund 200 000 Frauen und Mädchen aus Korea, China und andern Ländern Südostasiens damals in die Armeebordelle gezwungen worden. 238 Südkoreanerinnen überwanden erst lange nach Kriegsende ihre Scham und liessen sich von der Regierung als Opfer registrieren, 46 davon leben noch, ihr Durchschnittsalter liegt bei 89.

Und dennoch ist es ein historischer Durchbruch, den die Aussenminister Südkoreas und Japans – Yun Byung Se und Fumio Kishida – gestern in Seoul erreichten. Tokios Chefdiplomat sprach erstmals und ausdrücklich im Namen seines Premiers davon, dass Japans Militär «tiefe Wunden in der Ehre und Würde vieler Frauen hinterliess» und sein Land dafür in schwerer Verantwortung stehe. Beide Seiten, so hiess es an einer gemeinsamen Pressekonferenz, betrachteten damit das Thema «Sexsklaverei» als «abschliessend und endgültig» bereinigt.

Betroffene wehren sich

Ob es so einfach ist, muss sich noch zeigen. Schon lange gibt es Stimmen, die ein juristisches Schuldbekenntnis Japans für die gesamte Periode der Kolonialisierung und Kriegsbesetzung von 1910 bis 1945 fordern. Historiker und Menschenrechtler mahnen zur Eile. Jetzt gebe es noch ehemalige Sexsklavinnen, bei denen sich Japan entschuldigen könne. Die 90jährige betroffene Kim Gun Ja beklagt, dass «die Japaner ja nur darauf warten, dass wir endlich sterben. Wenn alle Opfer tot sind, wer wird dann noch für uns kämpfen?» Die 89jährige Yi Ok Seon, die als 15-Jährige entführt und in ein Bordell gezwungen wurde, fordert sogar, dass «der japanische Kaiser hierher kommt, vor uns niederkniet und sich dafür entschuldigt, was seine Truppen uns angetan haben». An Armen und Füßen hat sie tiefe Narben, die von japanischen Schwertern stammen. «Wir haben nur als Krüppel überlebt.»

Längst ein Anachronismus

Immerhin ist Japan nun endlich über einen langen Schatten gesprungen. Bisher hatte die Regierung auf dem Standpunkt beharrt, diese Angelegenheit sei bereits durch das Abkommen von 1965, das die Normalisierung der Beziehungen der beiden Staaten regelt, «abschliessend und endgültig» bereinigt worden. Die Wende hat das jüngste Gipfeltreffen von Südkoreas Staatschefin Park Gyun Hee mit Premier Abe Anfang November in Seoul eingeleitet. Dort wurde vereinbart, das Schicksal dieser Opfer dürfe nicht länger eine politische Belastung für die bilateralen Beziehungen sein. Die Fronten waren bis dahin so verhärtet, dass sich Präsidentin Park seit Beginn ihrer Amtszeit Anfang 2013 geweigert hatte, Abe überhaupt zu Gesprächen zu empfangen.

Für die Präsidentin und sehr viele Südkoreaner konnte es keine normalen Beziehungen zu den früheren Unterdrückern geben, solange der Streit über die Bewertung der Zwangsprostitution nicht beigelegt war. Die starre Haltung auf beiden Seiten, aber vor allem Japans Weigerung, die Realität anzuerkennen, waren längst zum Anachronismus geworden. Beide Staaten sind schon lange militärisch und wirtschaftlich eng verflochten.

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