NSA fürchtet, einen zweiten Snowden entdeckt zu haben

Datendiebstahl Zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren gelang es einem freien Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA, hochsensible Informationen zu stehlen. Harold T. Martin III war für dieselbe Firma wie Edward Snowden tätig.

Thomas Spang, Washington
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Datendiebstahl Zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren gelang es einem freien Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA, hochsensible Informationen zu stehlen. Harold T. Martin III war für dieselbe Firma wie Edward Snowden tätig.

Murray Bennett dachte, «der dritte Weltkrieg ist ausgebrochen», als Agenten der amerikanischen Bundespolizei FBI das Haus ihres Nachbarn stürmten. Kurz darauf führten sie den bleichen Martin in Shorts und T-Shirt in Handschellen aus dem Haus. «Er sah zu Tode erschrocken aus», berichtet Dawn Dincher, die Martin als schweigsamen, aber freundlichen Mann kennt.

Software für Vorwarnung löste keinen Alarm aus

Nachdem die Beamten den 51-Jährigen abtransportiert hatten, durchsuchten sie das bescheidene Haus vor den Toren Washingtons noch bis spät in die Nacht. Im Scheinwerferlicht registrierten die Ermittler auf Klapptischen im Vorgarten die sichergestellten Materialien. Seitdem rätselten Bennett, Dincher und andere Nachbarn, was wohl geschehen sei.

Die Antwort kam mehr als einen Monat später in Form einer Eilmeldung der «New York Times» am Mittwoch. Demnach nahm das FBI Martin unter dem Verdacht fest, hochsensible Daten von den Rechnern des Geheimdienstes NSA heruntergeladen zu haben. Dabei soll es sich um Zugangscodes und Anleitungen für den Einbruch in die Computersysteme gegnerischer Staaten wie China, Iran, Nordkorea und Russland handeln.

Bei der Durchsuchung stellten die Ermittler unter anderen sechs Dokumente aus dem Jahr 2014 sicher, die detaillierte Angaben über «Quellen, Methoden und Fähigkeiten» des NSA enthielten. Diese waren in einem Teil des Rechensystems hinterlegt, das seit dem Datendiebstahl durch Edward Snowden mit einer speziellen Früherkennungs-software ausgestattet ist. Warum diese keinen Alarm auslöste, gehört zu den vielen ungelösten Fragen des Falls.

Martin, der zwölf Jahre lang in der Navy diente, arbeitete zuletzt, wie Snowden, für das private Beratungsunternehmen Booz Allen Hamilton. Die National Security Agency heuerte den hochqualifizierten Computerspezialisten für die Tailored Access Operations Unit an, die offensive Aktionen im Cyberspace gegen Regierungen gegnerischer Staaten plant.

Fieberhaft versuchen die Ermittler nun herauszufinden, ob Martin die Staatsgeheimnisse an ausländische Akteure weitergegeben hat. Aus dem Umfeld des FBI hiess es, diese Frage lasse sich nur durch eine umfassende Kooperation des Verdächtigen herausfinden. Martin sitzt weiterhin in Untersuchungshaft.

«Mein Mann ist ein guter Mensch»

Durchaus denkbar bleibt, dass sich Martin die Informationen für seine privaten Zwecke beschaffte. Der Computerexperte forschte nebenher als Doktorand an der University of Maryland in Baltimore für seine Dissertation zu einem verwandten Thema. Sprecher der Universität wollten sich nicht zu dem Fall äussern.

Martins Frau, Deborah Vinson, sagte am Mittwoch einem Reporter, der vor dem Klinkerbau mit dem Sternenbanner neben der Haustür auf sie gewartet hatte: «Ich stehe zu meinem Mann, und ich liebe ihn sehr. Er ist ein guter Mensch.»

Das sagen auch die Nachbarn, die sich nicht vorstellen können, dass der stille Martin Staatsgeheimnisse an fremde Mächte verraten hat. Er sei stets hilfsbereit gewesen und habe zu Halloween die Kinder des Viertels mit Süssigkeiten verwöhnt.

Die Geheimdienstmitarbeiter, die über den Stand der Ermittlungen wissen, sprechen in den US-Medien von einem «traurigen Fall». Martins Arbeitgeber Booz Allen Hamilton wartete die weiteren Ergebnisse nicht weiter ab, sondern entliess ihn. «Wir arbeiten ohne Einschränkung mit den Behörden zusammen», sagte Craig Veith, Präsident des Unternehmens.

Bisher hat die Staatsanwaltschaft noch keine Anklage wegen Geheimnisverrats erhoben. Aber allein für den «leichtfertigen Umgang mit Staatsgeheimnissen» und «Diebstahl von Regierungseigentum» drohen Martin bis zu elf Jahren Gefängnis.