Not wird immer grösser

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon ruft zum sofortigen Waffenstillstand in Jemen auf. Während die Kriegsparteien weiterkämpfen, verschärft sich die humanitäre Lage.

Michael Wrase
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SANAA. Drei Wochen nach Beginn der von Saudi-Arabien geführten Operation «Sturm der Entschlossenheit» in Jemen hat UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon alle Parteien zu einem Waffenstillstand aufgerufen. Das ärmste Land Arabiens stehe in Flammen. Die Versorgungsprobleme hätten sich weiter verschärft. Um die fürchterlichen Folgen eines andauernden Krieges zu vermeiden, seien von den Vereinten Nationen unterstützte Verhandlungen daher der beste Weg für eine Konfliktlösung.

Kämpfe gehen weiter

Nach neuesten Schätzungen der UNO-Behörde für die Koordination humanitärer Hilfe (OCHA) sind in Jemen 150 000 Menschen auf der Flucht. Bis zum 13. April wurden 767 Tote registriert. Die tatsächliche Zahl dürfte aber höher liegen. 7,5 Millionen Menschen benötigen dringend Hilfe, deren Bereitstellung nur bei einem dauerhaften Waffenstillstand möglich ist.

Bans Appell stiess bei den Kriegsparteien auf taube Ohren. Die schiitischen Huthi-Rebellen wollen erst nach einem Ende der Luftangriffe verhandeln. Saudi-Arabien ist zur Fortsetzung seiner Bombardements entschlossen, weil es sein Kriegsziel, die Wiedereinsetzung der von den Huthis gestürzten Regierung in Sanaa noch immer nicht erreicht hat. Die Hauptstadt sowie grosse Teile der Hafenstadt Aden werden trotz massiver Luftangriffe noch immer von den schiitischen Milizen und abtrünnigen Armee-Einheiten kontrolliert.

Luftkrieg wird in Frage gestellt

Da sich an dieser Lage sobald nichts ändern wird, ist der von Ban geforderte Waffenstillstand der einzige Ausweg aus der Krise. Diese Auffassung vertreten inzwischen auch jene Staaten, die den saudischen Luftkrieg zunächst unterstützten.

Militärische Gewalt, sagte der französische Aussenminister Laurent Fabius, sei mitunter notwendig. Letztlich könne der Konflikt in Jemen aber nur von der Bevölkerung gelöst werden. Eine militärische Lösung, meinte auch sein deutscher Amtskollege Walter Steinmeier, werde «von niemandem gesehen». Selbst das Weisse Haus scheint auf Distanz zu den Saudis zu gehen. Gegenüber der «Los Angeles Times» nannte ein Beamter den Luftkrieg ein «Desaster ohne realistische Perspektiven». Mit Kritik am Herrscherhaus hält sich Washington noch zurück. Stattdessen weisen US-Offizielle auf den Vormarsch des Al-Qaida-Ablegers AQAP in Süd-Jemen hin, wo das Terrornetzwerk inzwischen die 200 000 Einwohner zählende Stadt Mukalla, den Flughafen sowie den grössten Ölterminal des Landes kontrolliert. Vor Übernahme des Flug- und Ölhafens hätten sich Regierungstruppen zurückgezogen und ihre Waffen, auch Luftabwehrraketen, der Al Qaida überlassen.

Zur Tötung aufgerufen

Diese kontrolliert mit Hadramaut nun die grösste Provinz Jemens. Die saudische Luftwaffe griff erneut nicht ein, was den Verdacht erhärtet, dass Riad über das Erstarken der militant anti-schiitischen Qaida nicht unglücklich ist. Die Kämpfer der Huthis bezeichnete der Vorsitzende des «Saudischen Rats der hohen Religionsgelehrten», Sheikh Naser al-Omar, in einer kürzlich erlassenen Fatwa (Religionsgutachten) als «Feinde Gottes», deren «Tötung» die Pflicht aller (sunnitischen) Moslems sei.