Ende der Pandemie
Norwegens Covid-Experten sagen: Infiziert euch! Die Skandinavier sind der Schweiz mal wieder einen Schritt voraus

Die bürgerliche Schweiz verlangt einen baldigen «Freedom Day». In Norwegen könnte er jetzt beschlossen werden. Die Massnahmen aufrechtzuerhalten, sagt ein Institut, könnte gefährlich sein.

Niels Anner, Kopenhagen
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Für die Norwegerinnen und Norweger soll das Massnahmen-lose Leben (wie hier auf einem Bild aus den Zeiten vor Corona) bald wieder möglich sein.

Für die Norwegerinnen und Norweger soll das Massnahmen-lose Leben (wie hier auf einem Bild aus den Zeiten vor Corona) bald wieder möglich sein.

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In der Schweiz fordern der Gewerbeverband und mehrere bürgerliche Politiker einen baldigen «Freedom Day», an dem das Ende aller Coronamassnahmen verkündet wird. In Norwegen könnte dieser Tag in Kürze kommen. Mindestens, wenn es nach dem Willen des norwegischen Instituts für Volksgesundheit (FHI) geht.

Dessen Experten fordern in einer neuen Analyse die baldige Aufhebung aller Massnahmen und faktisch die möglichst rasche Durchseuchung der Bevölkerung: «Es ist schwierig, sich nicht anzustecken. Und je länger wir Restriktionen beibehalten, desto länger dauert die Epidemie», schreibt das Institut. Massnahmen könnten die Ansteckungen nur noch «in kleinem Mass reduzieren». Bis zu drei Viertel aller Menschen im 5,3-Millionen Land würden sich in diesem Winter so oder so mit dem Coronavirus infizieren. Mit harten Massnahmen könne man den Prozess zwar verlangsamen, aber nicht stoppen.

Anstecken, solange der Impfschutz noch hält

Die FHI-Experten sagen sogar: Je länger man mit der Aufhebung der Massnahmen warte, umso gefährlicher könne die Situation für die Norwegerinnen und Norweger werden. Die Massnahmen kosteten nicht nur viel und schränkten die Freiheit ein. Sie machten die Situation für bestimmte gefährdete Personengruppen sogar «wahrscheinlich schlimmer», als wenn man der Pandemie ihren natürlichen Lauf liesse.

Für zwei- oder dreifach geimpfte Personen, so das Institut, sei es das Beste, sich möglichst rasch von Omikron anstecken zu lassen. Der Schutz durch die Impfung sei jetzt am stärksten. Eine Omikron-Infektion nach zweiter (für Junge) oder dritter Dosis (für Ältere) gebe zudem «wahrscheinlich breiteren und länger anhaltenden Schutz als eine weitere Impfdosis».

Norwegens Regierungschefin Erna Solberg übte am Anfang der Pandemie den neuen «Covid-Gruss» mit Schulkindern in Oslo.

Norwegens Regierungschefin Erna Solberg übte am Anfang der Pandemie den neuen «Covid-Gruss» mit Schulkindern in Oslo.

Keystone

Das FHI macht keinen Hehl daraus, dass mit dieser Strategie die Belastung für die Gesellschaft noch einige Wochen hoch sein wird. Einerseits werde es viele krankheitsbedingte Ausfälle an Arbeitsplätzen geben. Allerdings sei nicht gesagt, ob mehr Leute zu Hause bleiben müssten als jetzt mit den Isolationsregeln.

Andererseits könnte ein Anstieg auf 40'000 bis zu 125'000 Ansteckungen pro Tag zu täglich 300 bis 1000 neuen Patienten im Spital führen, wobei ein kleiner Teil Intensivbehandlung benötigen dürfte. Das müsse das Gesundheitswesen «handhaben» können, sagt FHI-Direk­torin Camilla Stoltenberg. Die Regierung wird wohl am Dienstag beschliessen, welche Res­triktionen Norwegen aufhebt. Rasche und weitgehende Lockerungen zeichnen sich im bislang eher restriktiven Land jetzt schon ab.

Ready für die Normalität: Norwegerinnen beim Outdoor-Training im norwegischen Voss.

Ready für die Normalität: Norwegerinnen beim Outdoor-Training im norwegischen Voss.

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Auch Norwegens südliches Nachbarland Dänemark setzt auf Öffnung – und damit faktisch auf Durchseuchung. Am Dienstag, 1. Februar, werden – ausser des Einreise-Tests für Ungeimpfte – sämtliche Restriktionen aufgehoben.

Voller Vorfreude trotz 50'000 Fällen am Tag

Die Regierung begründet dies mit dem starken Omikron-Effekt – trotz rekordhoher Ansteckungszahlen gibt es immer weniger Intensivpatienten – sowie einer bald genügend hohen Herdenimmunität in der Bevölkerung. Diese kommt von der europaweit hinter Malta zweithöchsten Impfquote sowie der Massenansteckung: Seit Dezember haben sich rund ein Viertel der Däninnen und Dänen mit Omikron angesteckt.

Die Öffnung wird von den meisten Experten als vertretbar beurteilt. Einige wenige halten das Vorgehen für übereilt und erinnern daran, dass Dänemark im September bereits einmal die Pandemie für beendet erklärt hatte – nur um wegen Omikron wieder Restriktionen einführen zu müssen. Solcherlei Kritik an der Massenansteckung ist jedoch selten. Das 5,8-Millionen-Land Dänemark ist vielmehr voller Vorfreude auf die grosse Normalität – trotz zuletzt über 50'000 neuer Coronafälle pro Tag.