Nordkoreas «Pate der Vernunft»

Mit dem Tod von Kim Yang Gon gibt es erneut einen mysteriösen Todesfall im inneren Machtzirkel Nordkoreas. Spekulationen über ein Komplott zirkulieren. Südkorea fürchtet einen Rückschlag im innerkoreanischen Verhältnis.

Angela Köhler
Drucken
Teilen

PJÖNGJANG. Eine schlechte Nachricht für den Entspannungsprozess in Korea: Der 73jährige Kim Yang Gon, engster aussenpolitischer Vertrauter von Nordkoreas Diktator Kim Jong Un, starb bei einem Verkehrsunfall. Wurde die moderate Stimme der Vernunft aus dem Weg geräumt, wie Südkoreas Medien vermuten? Die amtliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA vermeldete gestern nur den Fakt. Es gab keine Details, wie der in Südkorea als «Architekt der Entspannung» anerkannte Spitzenfunktionär zu Tode kam. Das nährt Spekulationen über einen weiteren internen Machtkampf im Dunstkreis von Jungführer Kim.

Der Draht zu Südkorea

Einiges spricht dafür, vor allem die selbst für Pjöngjanger Verhältnisse sehr überschwengliche Würdigung des Toten. Nicht nur, dass Kim Yang Gon extrem schnell schon heute beerdigt wird, sondern auch dass er als Sekretär des Parteizentralkomitees ohne direkte Staatsfunktion überhaupt ein Staatsbegräbnis unter Leitung des Staatschefs erhält, macht politische Beobachter in Seoul stutzig. KCNA darf den Toten als «treuen Anhänger» der gesamten Kim-Dynastie sowie als «liebsten und zuverlässigsten Mitstreiter» von Diktator Kim Jon Un preisen. Sein Tod sei ein «grosser Verlust für das Volk», wird verkündet.

In gewisser Weise stimmt das. Immer wenn etwas Positives zwischen beiden Korea auf den Weg gebracht werden konnte, stand Kim Yang Gon dahinter. Der Karrierekommunist galt innerhalb der Kim-Herrschaft als Ideengeber für die Beziehungen zum Ausland im allgemeinen und zu Südkorea im besondern. So hatte er massgeblich dazu beigetragen, dass sich 2007 der damalige Diktator Kim Jong Il und der ehemalige südkoreanische Präsident Roh Moo Hyun zum Gipfel trafen.

Eskalation verhindert

Als der heutige Führer Kim Jong Un nach dem Tod seines Vaters die Macht übernahm, holte er den Mann für die Vernunft im Hintergrund in die erste Funktionärsreihe und übertrug im heikle Aufgaben. Als Seoul im August Nordkorea für die bisher nicht endgültig aufgeklärten Minenexplosionen an der innerkoreanischen Grenze verantwortlich machte, musste Kim Yang Gon in Seoul die Wogen glätten, bevor der Zwischenfall zu einer gefährlichen Staatskrise eskalierte. Zeitweilig beschossen sich die beiden Seiten an der Grenze mit schwerer Artillerie.

Mit seiner Dialogbereitschaft erreichte er damals immerhin, dass der Gesprächsfaden wenigstens auf Arbeitsebene wieder aufgenommen wurde. Nordkorea nahm dafür Vorschläge des Südens für mehr Familienbegegnungen an, was im Oktober die Lage wieder etwas zu entspannen schien. Dann wurden plötzlich Mitte Dezember die Kontakte und Gespräche ergebnislos wieder abgebrochen. Kim Yang Gon verschwand aus der Öffentlichkeit.

Sein Tod löst auch tiefes Bedauern in Seoul aus. Die südkoreanische Regierung kondolierte offiziell und würdigte dabei ausdrücklich die Augustgespräche. Kenner der Lage befürchten nun, dass der Todesfall den Prozess der Annäherung bremsen, wenn nicht sogar stoppen könnte. «Das Fehlen einer so moderaten Figur könnte Nordkorea zumindest für den Augenblick von einer einigermassen flexiblen Politik gegenüber dem Süden abhalten», zitiert die Nachrichtenagentur Yonhap Professor Kim Yong Hyun von der Dongguk-Universität.

Auch Yang Moo Jin von der Universität für Nordkorea-Studien erwartet «negative Folgen für die Beziehungen» beider Länder. Er sehe niemanden in Nordkorea, der Kim Yang Gon im riskanten Job eines Ratgebers des Diktators für Versöhnungsvorschläge ersetzen könnte. Chang Yong Seok, leitender Forscher am Institut für Friedens- und Wiedervereinigungsstudien an der Seouler Nationaluniversität glaubt sogar, dass «der gesamte interkoreanische Dialog zum Erliegen kommt».

Spekulationen über Komplott

Das könnte den Hardlinern in Pjöngjang in die Hände spielen, zumal Yonhap über Spekulationen berichtet, Kim Yang Gon könnte Opfer eines Komplotts geworden sein. Die Nachrichtenagentur zählt dabei mehrere einflussreiche Parteifunktionäre Nordkoreas auf, die in den vergangenen Jahren «durch Verkehrsunfälle» ums Leben kamen oder hingerichtet wurden.

Dafür taucht auf der Liste des offiziellen Beisetzungskomitees urplötzlich an führender Position wieder das kürzlich als «Renegat», also als Abtrünniger titulierte Politbüromitglied Choe Ryong Hae auf. Dieser Betonkopf war eigentlich von Diktator Kim Jong Un für Fehlleistungen beim Bau eines Riesenstaudamms zu mehreren Jahren «harter Arbeit auf dem Lande» verbannt worden. Er könnte nun den «Paten der Vernunft» politisch beerben und den Dialog mit Südkorea bremsen.

Aktuelle Nachrichten