NORDKOREA: Die letzte Warnung

Nach Kim Jong Uns jüngstem Langstreckenraketentest haben auch Südkorea und die USA Raketen abgefeuert. Die Drohung richtet sich an Pjöngjang – aber auch an Peking.

Angela Köhler, Tokio
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Nordkoreanische Interkontinentalrakete. (Bild: Keystone (4. Juli 2017))

Nordkoreanische Interkontinentalrakete. (Bild: Keystone (4. Juli 2017))

Angela Köhler, Tokio

Nordkoreas Diktator Kim Jong Un hat mit seinem jüngsten Langstreckenraketentest die «rote Linie» überschritten. Die USA und Südkorea reagierten nur Stunden später mit einem simulierten Gegenschlag. Bei einem kurzfristig anberaumten gemeinsamen Manöver feuerten die Alliierten vom Osten Südkoreas aus Kurzstreckenraketen ab. Zunächst ohne konkretes Ziel ins Japanische Meer, aber bewusst als «starke Botschaft der Warnung», wie es das Verteidigungsministerium in Seoul formulierte. Die Übung solle Pjöngjang die «Fähigkeit eines Präzisionsangriffs auf die Kommandozentrale des Feindes» deutlich signalisieren.

Das war eine militärpolitische Demonstration, wie es sie seit Ende des Korea-Krieges 1953 nicht mehr gegeben hat. Amerika werde es niemals zulassen, dass Pjöngjang über Atomwaffen verfüge, bekräftigte US-Aussenminister Rex Tillerson. Wenn es die USA mit ihren politischen Ankündigungen ernst meinen, eine atomare Bewaffnung Nordkoreas mit allen, also auch mit militärischen Mitteln zu verhindern, ist die Krise gerade dabei, auf einer neuen Stufe zu eskalieren. Tillerson warnte nicht nur die Führungsclique in Pjöngjang vor unvermeidlichen Konsequenzen. Jedes Land, das nordkoreanische Arbeiter beschäftigt, das Regime wirtschaftlich oder militärisch unterstützt oder es versäumt, den UNO-Sanktionen nachzukommen, «hilft einem gefährlichen Regime oder stiftet es sogar an». Gemeint sind damit Russland, wo nordkoreanische Forstarbeiter tätig sind, und natürlich Pjöngjangs Schutzmacht China. Politische Beobachter in Fernost fragen sich nun, welche Optionen den Gegnern Kims überhaupt zur Verfügung stehen. Eine Variante scheidet in jedem Fall aus: weiter zusehen und nichts unternehmen. Denn dann lautete das Signal, dass alle Warnungen heisse Luft gewesen wären. Nordkorea würde sein Atom- und Raketenprogramm ungehindert fortsetzen. Eine militärische Operation? Liegt angeblich auf dem Tisch, aber noch setzt die Koalition auf eine diplomatische Lösung.

USA müssen Druck auf Peking verstärken

Allerdings ist der chinesisch-russische «Entspannungsvorschlag» nach dem jüngsten Raketenmuskelspiel obsolet. Kim ist aktuell nicht bereit, als «freiwillige Entscheidung» ein Moratorium seiner Raketentests einzuleiten. Im Gegenzug haben die USA und Südkorea demonstriert, dass sie nicht auf gross­angelegte gemeinsame Manöver verzichten wollen. Das aber wollten Moskau und Peking. Wenn jedoch jetzt nichts geschieht, hat sich die Despoten­dynastie auf ganzer Linie durchgesetzt, und Nordkorea steigt in den Rang einer unberechenbaren und in kein Bündnis eingebetteten Atommacht auf. Will sich US-Präsident Donald Trump diese Blamage ersparen, muss er jetzt Peking davon überzeugen, dass die USA ein unangenehmer Spieler auf dem geopolitischen Schachbrett sein könnten.

Noch verfügt Washington dafür über gute Karten. Chinesische Banken, die nordkoreanisches Geld reinwaschen, vom internationalen Zahlungsverkehr auszusperren, wäre mit Hilfe der westlichen Verbündeten möglich. Peking würde ein solcher Schritt wehtun. Ebenso denkbar ist eine globale Blockade für chinesische Firmen, die trotz UNO-Sanktionen weiter Geschäfte mit Pjöngjang machen. Dagegen heizen Waffenlieferungen an Taiwan und das demonstrative Kreuzen von US-Kriegsschiffen in Gewässern des Südchinesischen Meeres, wie in den letzten Tagen geschehen, den politischen Widerstandswillen der chinesischen Führung an. Das hilft Kim Jong Un, der nun augenscheinlich über Raketen mit einer theoretischen Reichweite von etwa 8000 Kilometern verfügt und damit die USA treffen könnte. Die Crux ist: Jeder Fehler, den Trump jetzt macht, bringt Amerika der fatalen Lage näher, erstmals konkret durch nordkoreanische Atombomben gefährdet zu sein.