NORDKOREA: Die Frau in Rosa verheisst nie Gutes

Wenn Ri Chun Hee am Fernsehen auftritt, ist Hinsehen für die Nordkoreaner Pflicht. «Tante Ri», wie sie im Volksmund genannt wird, ist Gesicht und Stimme des Diktators. Doch eigentlich wäre sie schon längst im Ruhestand.

Angela Köhler
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Passanten in Tokio sehen in einer Einblendung, wie Ri Chun Hee am letzten Sonntag über die Tests informiert. (Bild: Franck Robichon/EPA)

Passanten in Tokio sehen in einer Einblendung, wie Ri Chun Hee am letzten Sonntag über die Tests informiert. (Bild: Franck Robichon/EPA)

Angela Köhler

Immer wenn es ernst oder wichtig wird, kommt Ri Chun Hee zum Zuge. Mit revolutionärem Pathos verkündet die Chefsprecherin des nordkoreanischen Staatsfernsehens KCTV Bomben- oder Raketentests, Beschlüsse der Kommunistischen Partei. So auch am vergangenen Sonntag, als der «Taifun im Studio» mit bebender Stimme den «perfekten Erfolg» der eben erst gezündeten Wasserstoffbombe zelebrierte. «Ein bedeutsamer Schritt zur Vollendung unseres Atomgramms», trompetete sie.

Ihr ganz besonderer Gusto gilt Namen und Titel des aktuell «Geliebten Führers», der in ihren Nachrichten eigentlich immer vorkommt. Allein für den Jubelgesang «Kim Jong Un, Vorsitzender der Partei der Arbeit Koreas, Vorsitzender des Komitees für Staatsangelegenheiten der Demokratischen Volksrepublik ­Korea und Oberbefehlshaber der Koreanischen Volksarmee» braucht sie fast 20 Sekunden. «Tante Ri», wie sie sich im Volksmund gern titulieren lässt, ist seit 1971 Gesicht und Stimme der Pjöngjanger Diktatur.

In Südkorea nennt man sie «Pink Lady»

Seit mindestens 46 Jahren vermeldet Ri mit Nachdruck, was das Regime und der jeweilige Herrscher gern unters Volk bringen möchten. Bei epochalen Grossereignissen, wie dem Start jeder ballistischen Rakete, die Japan überflog und die Welt in Angst und Schrecken stürzte, holt man sie immer wieder aus der Kulisse. Dann sitzt sie entweder vor dem Bild eines schneebedeckten und mit kristallklarem Wasser gefluteten Vulkankraters oder eines undurchdringlichen Kiefernwaldes. Stets in der Nationaltracht Hanbok gekleidet, fast immer in Rosa, was ihr Markenzeichen ist und ihr in Süd­korea den Spottnamen «Pink Lady» eingebracht hat.

Zu ihren Aufgaben gehört es auch, Trauriges zu verkünden. Das Ableben zweier «Grosser Führer» beweinte Ri vor laufender Kamera. Von Schluchzern durchgerüttelt, vermittelte die Nachrichtenfrau 1994 den Tod des unterdessen zum «ewigen Präsidenten» gekürten Staatsgründers Kim Il Sung. Auch als dessen Sohn Kim Jong Il 17 Jahre später das Zeitliche segnete, überbrachte die Chefansagerin mit zitternder Stimme die Todesnachricht. In ihrem Element ist Ri Chun Hee, wenn es gegen den Klassenfeind geht, egal ob er nun aus Südkorea, Japan oder Amerika kommt. Dann moduliert ihr spitzgeformter Mund voller Abscheu Kraftausdrücke oder gar rassistische Entgleisungen. Wenn von den USA die Rede ist, ist «Kriegstreiber» die mildeste Beschreibung, «Bastarde» eher eine Standardvokabel. Den ehemaligen Präsidenten Barack Obama nannte sie schon einmal «schwarzer Affe». Der Hass kommt aus dem ganzen Körper, der sich bei diesen Nachrichten windet und sich wie eine Sprungfeder aus dem Sessel katapultiert.

Jeder Nordkoreaner kennt diese Show und weiss, wenn Ri Chun Hee auf dem Bildschirm ­erscheint, ist Hinschauen Bürgerpflicht. Nicht jeden Tag kommt das vor, denn die weit über 70-Jährige ist offiziell seit 2012 im Ruhestand. Erst vor anderthalb Jahren tauchte die Ikone des nordkoreanischen Staatsfernsehens urplötzlich wieder auf, als sie im Januar 2016 den vierten Atomtest verkündete. In diesem Jahr wurde sie zweimal gesehen.

Seither trägt sie am Seidengewand auch den berühmt-berüchtigten Kim-Anstecker. Das aktuelle Modell zeigt auf rotem Grund die Konterfeis des Altdiktators Kim Il Sung und dessen Sohn Kim Jong Il. Diese Pin-Nadel ist in Nordkorea so heilig wie anderswo das Kreuz der Prediger, Auszeichnung und absolute Pflicht für alle hohen Parteikader und damit eben auch für Chefsprecherin Ri Chun Hee, die ganz offensichtlich wieder das Vertrauen des «Lieben Führers» geniesst. So wie schon seit den Zeiten von dessen Grossvater Kim Il Sung. Der Gründervater im selbsternannten Paradies der Werktätigen hat selbstredend auch das Gesicht und ­die Stimme seiner Propaganda selbst ausgewählt. Mit einer «feurigen Rede» – so schwärmt Ri noch heute – hat die «Sonne» Nordkoreas sie überzeugt, Nachrichtensprecherin zu werden.

«Tante Ri» ist eigentlich gar keine Journalistin

Ihre Feinde aber, so prahlt Ri gern, «zittern vor Angst», wenn sie Verlautbarungen von Partei und Regierung verkündet. In der Tat gibt es im nordkoreanischen Staatsfernsehen «niemanden anders, der so viel Kraft in der Stimme mobilisieren kann wie sie», erinnert sich Ahn Chan Il, ein hochrangiger Funktionär, der vor Jahren aus Pjöngjang in den Süden floh. «Sie ist die perfekte Person, die harte Linie Nordkoreas in Sprache zu kleiden, genau richtig für Nuklearwaffen oder Raketen. Wenn sie auftaucht, weiss jeder, jetzt spricht durch sie der Führer.»

Diese «Frau für Bomben und Raketen» ist von Berufs wegen eigentlich gar keine Journalistin. Wie sie einmal einem chinesischen TV-Sender verriet, studierte Ri an der Kim-Il-Sung-Universität von Pjöngjang Schauspiel und darstellende Kunst, was ihre Theatralik im Fernsehstudio erklären könnte.

Ihr Nachrichtengebaren ist in Volk und Elite Nordkoreas so sehr Kult, dass sie zur Chefausbilderin für TV-Sprecher berufen wurde. Auch wenn sie nicht auf dem Sender ist, sichert das Auskommen Wohnung mit Mann, Kindern und Enkeln in einem Betonfertigbau von Pjöngjang.