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NORDIRAK: Das letzte Rückzugsgebiet der Kurden

In den 50 Flüchtlingslagern in der autonomen Region Kurdistan leben Jesiden, Christen, Kurden und Araber. Damit sowie mit dem erfolgreichen Kampf gegen den IS haben sich die Kurden Respekt erworben. Doch nun steht die Region vor dem Zusammenbruch.
Text: Christopher Gilb
Eine Peschmerga-Einheit an der Strasse nach Kirkuk unweit der Front bei Prde: Bis vor kurzem ging es gegen den IS, nun stehen die Kurden irakischen Soldaten und schiitischen Milizen gegenüber. (Bild: 18. März 2018)

Eine Peschmerga-Einheit an der Strasse nach Kirkuk unweit der Front bei Prde: Bis vor kurzem ging es gegen den IS, nun stehen die Kurden irakischen Soldaten und schiitischen Milizen gegenüber. (Bild: 18. März 2018)

Text: Christopher Gilb

Bilder: Stefan Kaiser

20 Minuten nachdem man Erbil, die Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan im Nordirak in Richtung Kirkuk verlassen hat, nimmt der Verkehr rasant ab. Auf halber Strecke auf der geraden Strasse durchs Wüstenland kommt einer der vielen Checkpoints, die unter anderem dazu dienen, ehemalige Kämpfer des «Islamischen Staates» (IS) aufzugreifen. Doch dieser Checkpoint hat eine andere Aufgabe. Es ist der letzte vor der Front. Auf der anderen Seite, da steht nicht der IS, sondern irakische Soldaten und die Haschd al-Schaabi, ein Bündnis aus 40 schiitischen Milizen, gegründet, um den sunnitischen IS zu besiegen. Gefördert wird das Bündnis auch vom Iran.

Oktober 2017: Während die irakische Armee sich auf dem Rückzug vor dem IS befand, hielten die kurdischen Peschmerga dagegen. Sie verteidigten das Stammgebiet der kurdischen Autonomie rund um die Städte Dohuk, Erbil und Sulaimaniyya mit seinen rund sechs Millionen Einwohnern aber auch teils stark von Kurden bewohnte Gebiete auf dem Territorium des Iraks wie Kirkuk. Doch dann wurde am 25. September 2017 trotz Verbot durch das oberste irakische Gericht sowohl in der autonomen Region als auch in Kirkuk ein Unabhängigkeitsreferendum durchgeführt. Das Referendum wurde gemäss Wahlkommission mit grosser Wahlbeteiligung deutlich angenommen, auch in Kirkuk.

Von den Amerikanern enttäuscht

Am 15. Oktober rückten die irakischen Kräfte auf die ölreiche Stadt vor, dies, weil die Peschmerga sich trotz Ultimatum nicht zurückgezogen hätten. «Wir hätten die Stadt verteidigen können», sagt heute Dr. Kamal Kirkuki, ein 64-jähriger Mann, ehemaliger Sprecher des kurdischen Regionalparlaments und nun Kommandant der Peschmerga an der Front. Sein Hauptquartier liegt beim Checkpoint. Etliche Peschmerga-Divisionen aus Sulaimaniyya hätten sich am 16. Oktober plötzlich zurückgezogen. Sulaimaniyya ist das Kerngebiet der Patriotischen Union Kurdistans (PUK). Während sich die stärkere Demokratische Partei Kurdistans (PDK) des bisherigen Präsidenten Masud Barzani intensiv für die Unabhängigkeit einsetzt, ist die PUK zurückhaltender, und die Peschmerga unterstehen, da sie keine staatlichen Kräfte sind, den kurdischen Parteien, nicht der Regierung. «Es gibt nur einen Grund, wieso man sein Land und seine Leute verrät: Geld», sagt Kirkuki. «Einst haben wir zusammen gegen den IS gekämpft, doch nun fordert die wirtschaftliche Lage ihren Tribut.» Am 20. und 26. Oktober sei es seinen verbliebenen zwei Divisionen dann gelungen, den Vormarsch der irakischen Truppen auf Erbil zu stoppen. Kein Verständnis zeigt er für das Verhalten der Amerikaner, die sich nicht einmischten. «Wir Kurden sind verlässliche Partner.» Gerade die iranischen Milizen würden die USA hingegen gerne zügig aus dem Land werfen. Den Peschmerga gelang es nach eigenen Angaben in den Kämpfen, einen amerikanischen Abrams-Panzer in deren Hand zu zerstören. Der Abrams sei ursprünglich dem Irak für den Kampf gegen den IS zur Verfügung gestellt worden. «Wenn ich dein Freund bin, lässt du doch nicht zu, dass mich jemand mit deinen Waffen umbringen will», sagt Kirkuki. Aber in Afrin sei ja gerade das Gleiche passiert. Ziel der iranischen Aktivitäten im Irak sei der schiitische Halbmond, ist er überzeugt. Eine schiitische Übermacht in den Ländern rund um Saudi-Arabien. Die Kurden sind mehrheitlich Sunniten. Vorerst herrscht nun Waffenruhe. «Wir wünschen uns eine friedliche Lösung im Sinne einer Demilitarisierung der Stadt. Falls dies nicht geht, gibt es aber andere Wege», so Kirkuki.

Es gibt nie den richtigen Zeitpunkt

Hemin Hawrami, der einen Abschluss in englischer Literatur hat, empfängt im 5-Sterne-Hotel Grand Swiss, einem klobigen Glasbau oberhalb von Erbil. Die riesige Lounge ist fast leer. Solche Gebäude seien ein Zeichen dafür, «wie wir unser Land aufbauen könnten, wenn wir in Frieden leben könnten», sagt der 42-jährige politische Berater der kurdischen Regierung. «Wir sind ein Stabilisator in der Region.» Aber war das Referendum nicht trotzdem ein Fehler? «Mit dem Referendum sollte lediglich ein Prozess angestossen werden.» Es gehe darum, eine neue Lösung für das Zusammenleben zu finden. «Denn der Irak, zu dem wir versucht haben, zu gehören, ist gescheitert.» Eine sofortige Unabhängigkeitserklärung sei nie das Ziel gewesen. Und wieso haben die Kurden nicht auf die Unterstützung gewartet? Die meisten Staaten nannten es den falschen Zeitpunkt. «Würden wir darauf warten, gebe es nie den richtigen Zeitpunkt», so Hawrami. «Für den Westen waren wir erst die grossen Kämpfer gegen den IS. Und jetzt?» Wenigstens seien nun die Flughäfen in der Region wieder für internationale Flüge offen. Die irakische Regierung hatte diese nach dem Referendum blockiert. «Was den Zugang von Hilfsorganisationen zu unserem Land, aber auch den Warenverkehr stark eingeschränkt hat.» Für den Moment sei das Referendum nun auf Eis gelegt. «Wir warten darauf, was die irakischen Wahlen im Mai bringen», sagt Hawrami.

Sie leben in Camps, Häusern und Bauruinen

Rund 450 000 Flüchtlinge aus dem Iran und aus Syrien sowie Binnenflüchtlinge aus dem Irak leben in den 50 Camps in der autonomen Region. Andere der rund 1,7 Millionen Flüchtlinge dort hatten Geld, leben bei Familien oder haben Bauruinen besetzt. Hunderte unfertige Hochhäuser und Wohnviertel erinnern an das Wirtschaftswunder, das die Region nach dem Sturz von Saddam Hussein erlebte. Doch dann sank der Ölpreis, die irakische Zentralregierung zahlte laut den Kurden nicht mehr den vorgesehenen Anteil am Staatsbudget aus – auch im ersten Staatshaushalt nach dem Krieg sind weniger als die früheren 17 Prozent vorgesehen – und dann kam der IS. Die Arbeitslosigkeit stieg, und die öffentlichen Systeme sind durch fehlende Lohnzahlungen am Anschlag. Kleidungsstücke, die an den Balkonen von Rohbauten hängen, zeugen davon, dass nun Flüchtlinge eingezogen sind. Sie haben dort weder Strom noch Wasser. Und auch die Flüchtlingslager selbst sind unter Druck. Nach Angaben der Barzani Charity Foundation (BCF), die viele dieser Lager managt, gingen zwar alleine durch die Befreiung von Mossul seit Dezember 1678 Familien zurück, es kamen aber auch 1428 Familien dazu, unter anderem aus Kirkuk, aber auch aus Mossul. «Die irakische Regierung will, dass die Flüchtlinge nach Mossul zurückkehren, um zu zeigen, dass die Stadt befreit und sicher ist», sagt Mevan Akreyi, ein 30-jähriger ehemaliger Lehrer mit akkurat geschnittenem Bart, der jetzt für die BCF ein Lager managt. «In vielen Vierteln dort gibt es aber weder Strom, Wasser noch Schulen.» Zudem seien viele der Einheiten in Mossul Schiiten, viele Flüchtlinge aber Sunniten. «Sie fühlen sich nicht sicher.» Als Konsequenz kämen sie zurück. «Doch da sie dann sozusagen aus einem sicheren Gebiet kommen und keine Binnenflüchtlinge mehr sind, erhalten wir aus Bagdad keine ausreichende Unterstützung mehr für sie.» Denn auch die Hilfe der UNO werde kleiner. Sie reiche für zwei Wochen pro Monat. Der 44-jährige Mohammed Adun, ist einer der Zurückgekehrten. «Mein Bruder und meine Mutter sind tot, unser Haus ist zerstört, Arbeit gibt es in Mossul auch keine, und keine Arbeit heisst keine Zukunft», sagt er. An diesem Tag erhält er eine rote Tasche voller Lebensmittel von den Helfern der katholischen Pfarrei Teufen-Bühler-Stein (siehe Kasten), die für eine Woche im Nordirak weilten.

Vor allem Medikamente fehlen

«Was dringend benötigt wird, sind Medikamente», sagt Campmanager Akreyi. Diese fehlen in den Lagern, aber auch in den Spitälern. «Es fehlt an allem, an ­Medikamenten und Beatmungsgeräten, aber auch an Platz», erzählt der 27-jährige Jihad Rasul Mamo vom Raparin Pediatric Hospital in Erbil, einem einfachen Steinbau. «Wir haben Betten für 150 Personen, doch es kommen täglich an die tausend Leute, viele aus den Flüchtlingslagern, wo die Infektionsgefahr gross ist.» Doch die Kinder brauchen nicht nur körperliche Hilfe. «Ich habe einen achtjährigen Jungen kennen gelernt, der vom IS entführt worden war», erzählt Musa Ahmad, Chef der Hilfsorganisation BCF. «Nun will er seine Familie nicht mehr sehen, weil er alle hasst, die nicht dem IS-Ideal entsprechen.» Er habe schon mehrfach auf Gleichaltrige eingeschlagen. Ahmad erinnert auch an die Vollwaisen, die in den Camps leben. «Wenn wir ihre Köpfe nicht verändern und keine Perspektive geben, sind das die Dschihadisten von morgen. Dazu brauchen wir Hilfe.» Ob diese kommt, ist fraglich, denn: «Was wir aus dem Referendum gelernt haben ist, dass wir uns nur auf uns selber verlassen können», sagte Berater Hawrami noch beim Interview im Hotel.

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