NORDAFRIKA: «Sperrt uns alle ein!»

Sechs Jahre nach dem Arabischen Frühling ist die Jugend im Maghreb desillusioniert. Seit Wochen gehen Tausende auf die Strassen. Sie prangern Autokratie und die Selbstbereicherung der Eliten an.

Martin Gehlen, Kairo
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Martin Gehlen, Kairo

«Aufstand im Rif, Revolten in Tataouine, gewalttätige Wirtschaftskrise in Algerien – möge Gott den Maghreb schützen», twitterte unlängst eine besorgte Aktivistin. Ähnlich wie sie sorgen sich dieser Tage viele in Nord­afrika um die Zukunft ihrer Region. Zwar ist dem Maghreb ein Staatszerfall wie in Libyen, Jemen, Syrien oder Irak erspart geblieben. Aber die meisten Frustrationen seiner Bürger, die vor sechs Jahren die Lawine des Arabischen Frühlings auslösten, existieren fort, egal ob in der marokkanischen Monarchie, der algerischen Öldiktatur oder auch der jungen tunesischen Demokratie. Überall herrscht der gleiche Unmut über stagnierende Wirtschaft und hohe Arbeitslosigkeit, die wachsende Kluft zwischen Stadt und Land, endemische Korruption und Selbstbereicherung der politischen Klassen.

«Lasst die Gefangenen frei oder sperrt uns alle ein!», skandierten die Demonstranten diese Woche im Norden Marokkos, wo die Konfrontation eskaliert, seit die Regierung den Führer der Protestbewegung Hirak, Nasser Zefzafi, festnehmen liess. Die Geschäftsleute der vernachlässigten Rif-Region riefen einen dreitägigen Generalstreik aus, während die Proteste gegen Korruption und Behördenwillkür jetzt auch auf Casablanca, Rabat, Marrakesch und Taza übergreifen.

Marokkos Jugend hat kein Vertrauen in die Politik

Für Anfang nächster Woche wurde das Parlament zu einer Sondersitzung zusammengetrommelt. Marokkos Innenminister eilte mit grossem Gefolge in die Krisen­region und versprach Investitionen von 1 Milliarde Euro. Die meisten in der marokkanischen Rif-Region jedoch trauen den Versprechen der plötzlich auftauchenden Politiker nicht. Ähnlich wie in Tunesien, als eine aufgebrachte Menge in der 500 Kilometer von Tunis entfernten Stadt Tataouine Premier Youssef Chahed ausbuhte und aus der Stadthalle jagte, als er «2000 Arbeitsplätze sofort» versprach.

Seit Wochen harren Tausende junger Leute im Süden Tunesiens aus, um die Vernachlässigung ihrer Region anzuprangern. Viele, die in den Strassen von Tataouine vor dem Gouverneurs­palast kampieren, haben Universitäts­diplome. «Wir haben die Nase voll, wir sind alle in den Zwanzigern und sind alle arbeitslos», schimpfte ein junger Aktivist. «Tunesien befindet sich in einer delikaten Lage», erklärte Parlamentspräsident Mohamed Ennaceur während einer Sondersitzung der Volksvertretung. Die Regierung müsse sich endlich der Probleme annehmen, «die den Tunesiern den Eindruck vermitteln, es habe sich seit dem 14. Januar 2011 nichts geändert», forderte die Zeitung «La Presse». «Sonst ist das Schlimmste zu befürchten.»

Ähnliche Übel plagen auch Algerien, auch wenn dessen Staatshaushalt – anders als Marokko und Tunesien – seit Jahrzehnten auf üppige Öl- und Gaseinnahmen zählen kann. Doch seit sich der Ölpreis mehr als halbiert hat, steigt im Inneren der Druck. Die Regierung muss Subventionen kürzen und Wohnungsprogramme streichen.

Ein Drittel der jungen Algerier ist arbeitslos

Ein Drittel aller Unter-30-Jährigen ist arbeitslos, was sich im Frühjahr in Ausschreitungen entlud, vor allem in Algier und in der Kabylei. Der greise Präsident Abdelaziz Bouteflika ist seit einem Schlaganfall gelähmt. Seit seinem Amtsantritt 1999 strich Algerien zwischen 800 und 1000 Milliarden Petrodollar ein. Nennenswerte Sektoren in Industrie oder Landwirtschaft jedoch sind nicht entstanden, auf denen der Nachwuchs seine berufliche Zukunft aufbauen könnte.

Stattdessen versickerte das Geld in den Taschen der Regime-cliquen. «Bouteflika ist halb tot und klammert sich immer noch an die Macht», kritisierte eine junge Frau in Algier. «Die alte Generation versteht uns nicht. Wir trauen ihr nicht mehr, weil sie uns betrogen hat.»