Nochmals lebenslänglich für Carlos

Bald wäre der frühere Terrorist Carlos freigekommen. Doch in seinem zweiten Pariser Prozess hat der 62jährige Venezolaner erneut eine lebenslängliche Haftstrafe erhalten.

Stefan Brändle
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Carlos vor Gericht. (Bild: ap)

Carlos vor Gericht. (Bild: ap)

PARIS. Illich Ramirez Sanchez, besser bekannt unter seinem Decknamen «Carlos», bemühte sich redlich, verurteilt zu werden. In seinem fünfstündigen Plädoyer erwies er sich nicht nur als manipulativer und grössenwahnsinniger Charakter, sondern machte sogar neue Angaben über die «Tonnen an Waffenmaterial», die er und seine Helfershelfer im Pariser Quartier Latin und anderswo versteckt hielten und für Dutzende von Anschlägen verwendeten.

Bereits einmal lebenslänglich

Die richterlichen Geschworenen des französischen Spezialgerichts brauchten in der Nacht auf gestern nicht lange, um ihren Schuldspruch zu fällen. Der einst meistgesuchte Terrorist der Welt wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe für vier tödliche Bombenanschläge verurteilt. In zwei französischen Zügen und anderswo kamen zwischen 1982 und 1984 insgesamt elf Menschen ums Leben; über 150 wurden verletzt.

Carlos' grösste Untat, die Geiselnahme von elf Opec-Ölministern in Wien 1975, wurde in Paris nicht beurteilt. In Frankreich sitzt der Lateinamerikaner hingegen schon wegen eines doppelten Polizistenmordes eine lebenslängliche Haftstrafe ab. Im kommenden Jahr hätte er einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung stellen können.

Dass der «Berufsrevolutionär», wie er sich zu Prozessbeginn bezeichnete, für die Anschläge mehr als zwanzig Jahre später vor Gericht kam, hat damit zu tun, dass er dem französischen Geheimdienst erst 1995 im Sudan ins Netz ging. Nach dem ersten Urteil versuchte seine Anwältin Isabelle Coutant-Peyre – die Carlos in der Haft nach islamischem Recht heiratete – den eigentlichen Terrorismus-Prozess mit formalen Argumenten zu verhindern. Sie focht den Rücktransport aus dem Sudan als illegale Entführung an und kritisierte die Abwesenheit von Originalakten namentlich aus Stasi-Beständen.

Ex-Ehefrau sagte aus

Carlos selbst tat während der Verhandlung nichts, um seine Unschuld zu belegen. In seinen konfusen Aussagen rechtfertigte er die «Hunderten von Toten» seines revolutionären Einsatzes für die Palästinenser und andere unterdrückte Völker. Er räumte ein, dass er seine Anschläge organisiert habe, um zwei Komplizen freizupressen – seine ehemalige Ehefrau Magdalena Kopp und den Schweizer Bruno Bréguet.

Letzterer ist heute unauffindbar, während Kopp am Prozess aussagte. Carlos habe es meisterhaft verstanden, Menschen in seinen Bann zu ziehen und für seine Zwecke zu missbrauchen, meinte seine ehemalige Gattin, die mit dem Terroristen eine Tochter hat. Die 63jährige Ex-Linksextremistin der «Revolutionären Zellen» war dem Lateinamerikaner selbst vierzehn Jahre treu geblieben, bevor sie sich scheiden liess und in einem Buch mit den «Terrorjahren» abrechnete.

Carlos' frühere rechte Hand, Johannes Weinrich, der wegen eines Anschlags auf das «Maison de France» in Berlin 1983 in Deutschland in Haft sitzt, wurde zum Prozess nicht ausgeliefert. Zwei weitere Mitstreiter, Christa Fröhlich und der Palästinenser Ali Kamal Al Issawi, sind untergetaucht.

Verblassende Attraktion

So hatte Carlos die Prozessbühne fast allein für sich. Hinter der schusssicheren Angeklagtenzelle bezeichnete er sich selbst als «lebenden Märtyrer». Zum Schluss des Prozesses lichteten sich die Zuschauerränge stark. Der schlimmste Moment für den venezolanischen Anwaltssohn war wohl, als er sein Schlussplädoyer mit einem vehementen «Es lebe die Revolution!» beendete und nur noch allgemeines Gähnen erntete. Er legt Berufung gegen das Urteil ein – damit er vor der Weltöffentlichkeit ein weiteres Mal von seinen Heldentaten berichten kann.