Noch herrscht eitel Harmonie

100 Tage Koalitionsregierung in Grossbritannien: Dem Regierungsbündnis aus Konservativen und Liberaldemokraten stehen harte Bewährungsproben erst noch bevor. Den Glanz des Neuen hat es gleichwohl schon verloren.

Sebastian Borger
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Der Premier und sein Stellvertreter: David Cameron (rechts) und Nick Clegg an ihrer ersten gemeinsamen Pressekonferenz im Mai. (Bild: ap/Christopher Furlong)

Der Premier und sein Stellvertreter: David Cameron (rechts) und Nick Clegg an ihrer ersten gemeinsamen Pressekonferenz im Mai. (Bild: ap/Christopher Furlong)

london. Bisher sind es nur Details, an denen sich Veränderung ablesen lässt. Als Tony Blair 1997 triumphal in die Downing Street einzog, widerhallten die ehrwürdigen Regierungsgebäude alsbald von bombastischen Phrasen. «Cool Britannia» war angesagt. Überall sollte das Königreich «vorn» liegen, «grossartig» und «führend» sein, und das rasch. Schliesslich habe das «junge Land» nur noch «1000 Tage bis Beginn der nächsten 1000 Jahre».

Die neue Bescheidenheit

Letzte Woche hielt David Cameron eine Rede zur Lage der Tourismusbranche im Land. Die trägt immerhin jährlich 115 Milliarden Pfund zum Bruttoinlandprodukt bei, Tendenz steigend. Nun will der Premier die Attraktivität der Insel für ausländische Besucher noch steigern. Das Ziel? «Weltweit führend sein», hätte Blair gesagt. Grossbritannien solle «zu den fünf wichtigsten Tourismuszielen weltweit» gehören, sagte Cameron.

So etwas klingt für Briten, denen die Marketing-Fachleute stets nur Superlative um die Ohren schlagen, nach aussergewöhnlicher Bescheidenheit.

Bescheiden geht der 43jährige Konservative mit gutem Beispiel voran: Von seiner hochschwangeren Frau Samantha und den beiden Kindern begleitet, macht Cameron nun Urlaub in Cornwall, der englischen Riviera.

Am Donnerstag kann er dort ein Gläschen trinken auf die ersten 100 Tage seiner Regierung, die den Briten erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine Koalition beschert hat: Camerons Konservative machen gemeinsame Sache mit den Liberaldemokraten des gleichaltrigen Nick Clegg. Noch immer wirken viele politisch Interessierte und die meisten Kommentatoren, als hielten sie diesen Zustand für widernatürlich.

Minister und Fraktionen hingegen, allen voran Cameron und Clegg, erwecken den Anschein, als könne fast nichts ihre Harmonie stören. Und so hat Cameron auch anstandslos seinem liberalen Stellvertreter die Regierungsgeschäfte übertragen.

Noch ist nichts konkret

Freilich hat die Koalition echte Bewährungsproben noch nicht erlebt.

Ein freundlicher Umgangston ist wichtig, zumal er den Unterschied betont zu den Labour-Politikern und ihren publizistischen Sprachrohren. Deren schrille Tonart verrät einstweilen nur den Zorn über die verlorene Macht und die Ratlosigkeit angesichts der wichtigsten Herausforderung britischer Politik: wie dem Rekorddefizit von mehr als zehn Prozent so rasch beizukommen ist, dass die Finanzmärkte die Insel weiter ernst nehmen.

Die Koalition hat sich zur Radikalkur entschlossen, die Mehrwertsteuer erhöht, aber vor allem massive Einsparungen im öffentlichen Haushalt angekündigt. Das haben die Briten bisher überwiegend nur zur Kenntnis genommen; frühestens im Herbst, wenn Konkretes bekannt wird, spätestens im kommenden Jahr, wenn die Grausamkeiten spürbar werden, wird sich zeigen, wie weit der Langmut reicht.

Wohl nicht weit über die 100 Tage hinaus: Die Zustimmung zur neuen Regierung ist schon in den vergangenen Wochen kontinuierlich gesunken. Während Mitte Juni die Differenz zwischen Befürwortern und Gegnern noch bei 15 Prozent lag, beträgt sie heute nur mehr 2 Prozent. Paradoxerweise geben derzeit mehr Briten an (gut 40 Prozent), Camerons Konservative wählen zu wollen, als vor der Wahl im Mai (36 Prozent).

Liberaldemokraten unter Druck

Dem kleinen Koalitionspartner aber laufen die Wähler davon (damals 22, heute 15 Prozent). Joe Twyman von der Demoskopie-Firma YouGov sagt: «Wäre ich Liberaldemokrat, würde ich mir ernste Sorgen machen.» Vizepremier Clegg will mit Verfassungsänderungen punkten: Abkehr vom Mehrheitswahlrecht, Verkleinerung des Unterhauses, Wahlen zum Oberhaus.

Das sind schwere Brocken im traditionsbewussten Königreich, mindestens so schwere wie die Reform des Sozialstaats und der Umbau von Schul- und Gesundheitssystem, den die Koalition angekündigt hat. Erst wenn die Ankündigungen in Gesetze münden, wird sich zeigen, ob die Koalitionsharmonie auch für 1000 Tage reicht.

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