NOBELPREISTRÄGER: Bestraft bis zum letzten Atemzug

Mit dem Tod des Dichters und Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo verliert die Welt einen der bedeutendsten Kritiker des kommunistischen Regimes in Peking. Dieses liess den schwer an Leberkrebs Erkrankten nicht ausreisen.

Felix Lee, Peking
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Eine Demonstrantin hält ein Foto von Liu Xiaobo in der Hand. (Bild: Roman Pilipey/EPA (Hongkong, 29. Juni 2017))

Eine Demonstrantin hält ein Foto von Liu Xiaobo in der Hand. (Bild: Roman Pilipey/EPA (Hongkong, 29. Juni 2017))

Felix Lee, Peking

Am Ende hatte Liu Xiaobo nur noch einen Wunsch: Er wollte ein letztes Mal seine Frau Liu Xia um sich haben, die all die Jahre ihrer Ehe stets zu ihm gehalten hatte und seit sieben Jahren selbst unter Hausarrest steht. Diesen einen Wunsch gewährte der chinesische Staat dem Dichterpaar.Das war jedoch auch schon alles, was Chinas Führung an Barmherzigkeit dem Friedensnobelpreisträger und seiner Frau zugestand. Gestern ist Liu Xiaobo mit 61 Jahren gestorben.

In den Tagen zuvor hatte Liu Xia die Behörden geradezu angefleht, ihren schwer an Leberkrebs erkrankten Mann nach Heidelberg ausfliegen und ihn von deutschen Ärzten behandeln zu lassen. Doch die chinesischen Behörden lehnten ab. Er sei nicht mehr transportfähig, lautete die offizielle Begründung. Die Botschaft der chinesischen Führung war klar: Liu sollte selbst im Sterben noch bestraft werden.

Schattenseiten des chinesischen Aufstiegs

Mit dem Tod von Liu Xiaobo ist verliert die Welt einen der tapfersten und scharfsinnigsten Kritiker des chinesischen Regimes. Die chinesische Regierung hatte den Philosophen, Literaturwissenschaftler und Dichter bereits vor Jahren einem ihrer ärgsten Staatsfeind erkoren – obwohl Liu nur über eine einzige Waffe verfügte: das geschriebene und gesprochene Wort.

In Hunderten Analysen, Interviews und Berichten dokumentierte er die Schattenseiten des chinesischen Aufstiegs. Liu schrieb über das Schicksal seiner Mitstreiter, die unter den korrupten Parteisekretären zu leiden hatten. Er deckte die Lügen der herrschenden Kommunistischen Partei auf. Und er schilderte die Ausbeutung von Millionen von Wanderarbeitern, die zu niedrigen Löhnen die wahren Helden des chinesischen Wirtschaftswunders waren. All das tat er in einer unverblümten Sprache, wie sie für chinesische Dichter bis heute untypisch ist. Er war für all jene ein Augenöffner, die sich von den vielen hochgezogenen blinkenden Wolkenkratzern und Shoppingmalls blenden liessen.

Geboren und aufgewachsen inmitten der Wirren der Kulturrevolution der sechziger und siebziger Jahre, musste Liu Xiaobo schon in jungen Jahren miterleben, wie grausam das kommunistische Regime war. Der damalige Staatsführer Mao Tse-tung hatte Millionen – vor allem junge – Leute dazu angestiftet, mit sämtlichen Traditionen zu brechen. Er ermunterte sie, ihre Eltern und Lehrer, Geschwister und Freunde zu denunzieren und zu demütigten.

Schlüsselfigur der Tiananmen-Proteste

Lius Familie wurde, wie viele Städtbewohner und besonders Akademiker, aufs Land umgesiedelt. Als «verwöhnte Städter» sollten sie das «wahre Leben» kennenlernen. Vier Jahre mussten sie dort ausharren.

Nach dem Tode Maos und dem Beginn der Öffnungspolitik unter Deng Xiaoping, studierte und lehrte Liu Literaturwissenschaften in Peking mit Aufenthalten in Oslo, Hawaii und New York. Bei den Demokratieprotesten 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens war er eine der Schlüsselfiguren. Als in der Nacht auf den 4. Juni Panzer auffuhren und damit begannen, die Proteste blutig niederzuschlagen, bewahrte er etliche Aktivisten vor dem Tod, indem er auf sie einredete, sich nicht aufzuopfern. Dieses Engagement brachte ihm seine erste Gefängnisstrafe ein. Er musste für zwei Jahre in Haft.

Er liess sich jedoch nicht einschüchtern. Als Schriftsteller und Autor engagierte er sich weiter für die Demokratisierung seines Landes. In mehreren Texten widmete er sich den «Müttern des Tiananmen» und beschrieb, wie sie gemeinsam die Todesumstände ihrer verschwundenen Kinder ermittelten. Dabei zeigte er, wie brutal die Soldaten der Volksbefreiungsarmee in jener Nacht und den darauffolgenden Tagen gegen die Demonstranten vorgingen und einige von ihnen zu Tode hetzten.

In anderen Artikeln schrieb er über den Fall mehrerer hundert entführter Bauernkinder, die unter Duldung der örtlichen Provinzbeamten in Kohlebergwerken in der Provinz Shanxi als Kindersklaven gehalten wurden. Er berichtete über den Moralverfall im wirtschaftlich aufstrebenden China und den zunehmenden Nationalismus. 2003 kürte der chinesische P.E.N-Club unabhängiger Schriftsteller ihn zum Ehrenpräsidenten. Endgültig zum Verhängnis wurde ihm die «Charta 08». Liu war zwar nur einer von 300 Intellektuellen, die mit dieser Petition dazu aufriefen, aus China einen demokratischen Staat zu schaffen. Doch ihm wurde die Urheberschaft dieser Petition angelastet. 2009 verurteilte ihn ein Volksgericht wegen «Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt» zu elf Jahren Haft.

Hausarrest auch für Lius Ehefrau

Als ihm 2010 der Friedensnobelpreis verliehen wurde, blieb sein Stuhl bei der feierlichen Zeremonie in Oslo leer. Denn selbst seine Frau Liu Xia, eine ebenfalls bekannte Dichterin, stand unter Hausarrest und durfte nicht anreisen. Dabei wurde ihr offiziell gar nichts angelastet.

Offenbar ahnte die chinesische Führung: Dass Liu Xiaobo trotz der Haft und Schikane über all die Jahre nicht an Lebensmut verlor, hat er auch seiner Frau zu verdanken, der er in seiner von der norwegischen Schauspielerin Liv Ullmann vorgetragenen Nobelpreisrede ein Denkmal setzte. Die Rede war ein Liebesbrief an Liu Xia. Deren Bitte, ihren Mann zur Behandlung nach Heidelberg auszufliegen, kam die chinesische Führung nicht nach. Selbst am Sterbebett sollte Liu Xiaobo bestraft werden. «Ich sitze meine Strafe in einem konkreten Gefängnis ab, während du in dem unfassbaren Gefängnis des Herzens wartest», schrieb er 2010 in seinem öffentlichen Brief an seine Frau. Dieses Warten hat nun ein tragisches Ende genommen.