Niemand will Neapels Abfall

Eine Woche nach der Entsendung von Soldaten an die Abfallfront in Neapel ist weder in der Stadt am Mittelmeer noch in ihrer Umgebung eine Entspannung erkennbar. Nach wie vor liegen Berge von Unrat in den Strassen.

Dominik Straub/Rom
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Lastwagen voller Abfall aus Neapel fahren zu einer Abfallgrube auf Sizilien. (Bild: rtr/Antonio Parrinello)

Lastwagen voller Abfall aus Neapel fahren zu einer Abfallgrube auf Sizilien. (Bild: rtr/Antonio Parrinello)

Allein in den Strassen Neapels liegen derzeit nach offiziellen Schätzungen noch mindestens 7000 Tonnen stinkender Abfall – also gleich viel wie vor der Entsendung der Armee vor einer Woche. In vielen Gemeinden des Umlands von Neapel sieht es noch viel schlimmer aus. Insgesamt warten in der Region Kampanien etwa 100 000 Tonnen Haushaltabfälle auf ihre Entsorgung, und zählt man den bereits auf Lastwagen verladenen, aber immer noch blockierten Abfall hinzu, kommt man auf 260 000 Tonnen. «Die Situation bleibt ernst», erklärte ein Behördensprecher in Rom nach einer weiteren Dringlichkeitssitzung von Regierungsmitgliedern, Sonderkommissar Gianni Di Gennaro und Vertretern von Zivilschutz- und Armee. Er fügte hinzu: «Die Notlage wird noch einige Wochen andauern.»

Fehlende Solidarität

Ein Hauptproblem bei der Bekämpfung des Notstands ist die fehlende Solidarität vorab der nördlichen Regionen Italiens, die ihre Deponien und Verbrennungsanlagen nicht für den Abfall aus dem Süden öffnen wollen. «Es ist eine Schande; es darf nicht sein, dass ein Land wie das unsere kein gemeinsames Verantwortungsgefühl kennt», ärgerte sich Ministerpräsident Prodi am vergangenen Wochenende.

Der Appell der Regierung an die Regionen, sie sollten sich an der Entsorgung der kampanischen Abfallberge beteiligen, war insbesondere in den von Mitte-Rechts-Koalitionen regierten grossen Regionen Lombardei und Venetien mit einem schroffen Nein beantwortet worden. Und dies, obwohl die Betreiber der Entsorgungsbetriebe durchblicken liessen, dass sie durchaus noch Kapazitäten hätten. «In diesen Regionen kochen einige ihr politisches Süppchen», zitiert «La Repubblica» Prodi.

Doch auch linke Regionalregierungen wie jene Umbriens oder Friauls haben Prodi abblitzen lassen. Und in Regionen, die sich solidarisch zeigten wie Sardinien und Sizilien, kam es zu Strassenschlachten, als Schiffe mit dem neapolitanischen Abfall anlegten.

Ausschreitungen in Cagliari

Vor allem in der sardischen Hauptstadt Cagliari kam es zu schweren Ausschreitungen mit mehreren Verletzten; ein Anschlag auf Regionalpräsident Renato Soru konnte verhindert werden. Auch in Sardinien scheinen die Proteste zumindest teilweise von den oppositionellen Mitte-Rechts-Parteien gesteuert zu werden; an den Krawallen ebenfalls kräftig mitgewirkt hatten die militanten Fans des FC Cagliari.

In anderen hilfsbereiten Regionen wie Apulien, Piemont, Toscana oder Emilia-Romagna bereiten sich lokale Protestbewegungen auf Blockaden der Abfall-Camions vor.

100 000 Kinder gehen in Kampanien bereits seit mehreren Tagen nicht mehr zur Schule – weil Schulräte und Eltern angesichts der Abfallberge in den Strassen eine gesundheitliche Gefährdung der Schüler befürchten.

Agrarexporte gehen zurück

Handfest ist die Gefahr wirtschaftlicher Schäden insbesondere in der Landwirtschaft: Hersteller von Büffelmozzarella in Kampanien beklagen bereits heute Umsatzrückgänge von über dreissig Prozent; ähnliche Einbussen werden auch bei anderen regionalen Produkten wie Tomaten, Olivenöl und Aprikosen erwartet.