«Niemand spricht mehr mit niemandem»

Der französische Front National wollte aus der südfranzösischen Stadt Fréjus ein Schaufenster rechter Ideen machen. Ausgerechnet dort muss der FN-Bürgermeister nun eine Moschee zulassen. Er gibt aber nicht so schnell klein bei.

Stefan Brändle
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Die provisorische Öffnung der Moschee wurde aus Paris «angeordnet». (Bild: Stefan Brändle)

Die provisorische Öffnung der Moschee wurde aus Paris «angeordnet». (Bild: Stefan Brändle)

«Al Hamdulillah!», ruft der Imam zur Begrüssung der Gläubigen – gelobt sei Gott! Und weiter: «Wir sind glücklich über diesen Tag. Alles braucht seine Zeit, aber jetzt ist es so weit.» Es ist Freitag, 13 Uhr, fast tausend Betende knien auf dem Boden und berühren mit der Stirn den dunkelroten Teppich – die Männer im Erdgeschoss, die Frauen im ersten Stockwerk, unsichtbar hinter hölzernen Paravents.

Es ist ein grosser Tag für die Moschee El Fath in Fréjus: Nach jahrzehntelangem Warten, zum Schluss einem bitteren Rechtsstreit, hat das schlichte minarettlose Gotteshaus am Morgen seine Pforten geöffnet. Bisher hatte man hier in einer Reihengarage, dann auf der Strasse gebetet. Freude herrscht in der Einwanderersiedlung, man umarmt sich, winkt von den Balkonen. Driss Maaroufi, der Präsident des Vereins El Fath (der Name bedeutet unter anderem «Sieg»), strahlt wie seine blütenweisse Djellaba und meint sogar, der Herr Bürgermeister sei eingeladen, die Moschee zu besuchen.

Wirren um Baubewilligung

Der Herr Bürgermeister denkt nicht daran. David Racheline, erst 28, aber schon eine bewährte Kraft im Front National, deklariert in seinem imposanten Rathausbüro, der Kampf gegen die Moschee gehe weiter. Und präzisiert mit erhobenem Finger: «Wir stellen nicht die Kultusfreiheit in Frage, wir fechten nur die Baubewilligung an.» Diese sei auf betrügerische Weise zustande gekommen und verletze urbanistische Regeln, denn das Gebäude liege in einer Überschwemmungszone.

Das gilt allerdings für die ganze Wohnblocksiedlung, ohne dass es in Fréjus (53 000 Einwohner) jemals gestört hätte. In den fünf- bis siebenstöckigen Wohnblöcken zogen in den 1960er-Jahren zuerst Spanier und Portugiesen ein, gefolgt vor allem von Marokkanern. Sie leben nur wenige Gehminuten von der Yacht-Marina und der Strandpromenade weg – aber doch Lichtjahre jenseits der blitzenden Kulisse der Côte d'Azur. 2011 billigte ihnen der bürgerliche Bürgermeister eine Moschee zu, 2014 begann der Verein El Fath auf eigene Kosten und in freiwilliger Fronarbeit mit dem Bau.

Mehr Mittel für die Polizei

Das Malheur begann wenige Monate später, als der Front National bei den Gemeindewahlen im März 2014 ein Dutzend Orte in Frankreich eroberte. In Fréjus siegte David Racheline nicht zuletzt, weil er gegen die neue Moschee zu Felde zog. Doch die Präfektur, der verlängerte Arm des Zentralstaates (und der Linksregierung im fernen Paris), hat nun die «provisorische» Öffnung angeordnet. Eine Schlappe, ja eine Schmach für Racheline? Der Vorsteher von Fréjus bestreitet missgelaunt: «Das zeigt nur den Kniefall Frankreichs vor den Glaubensgemeinschaften.»

Für den jungen Bürgermeister mit der Postur eines doppelt so alten Notabeln ist die Moschee-Öffnung umso bitterer, als er aus Fréjus ein Schaufenster der FN-Ideen machen wollte. Sein konservativer Vorgänger hatte der mediterranen Küstenstadt, in der besonders viele Algerier-Heimkehrer leben, einen Schuldenberg von 140 Millionen Euro hinterlassen. Racheline griff durch: Pensionierte Beamte werden nicht mehr ersetzt, die kommunalen Subventionen zusammengestrichen. Der Quartierverein der Marokkaner-Wohnsiedlung verlor am meisten – über 60 Prozent seines Budgets. Nur die Polizei erhielt mehr Mittel, darunter kugelsichere Westen.

Gesprächskultur geht verloren

Frankreichs Ex-Verteidigungsminister François Léotard, der 73jährige frühere Bürgermeister von Fréjus, erklärte jüngst, die politische Gesprächskultur komme seiner Stadt abhanden: «Niemand spricht mehr mit niemandem.» Hört man sich in der Stadt um, zucken die meisten Einwohner die Schultern und meinen, sie stellten unter der FN-Führung keine Veränderung im Alltag fest. Auch die Touristen merken kaum etwas. Einem Sommerfestival blieben zwar ein paar Künstler aus Protest fern. Dafür liessen Rachlines Leute an einem anderen Abend eine rechtsextreme Rockband auftreten. Auch das störte nur die kleine linke Lokalopposition im Gemeinderat. Die Sozialistin Insaf Rezagui wirft der FN-Mehrheit aber vor allem vor, dass er der moslemischen Bevölkerung bewusst «würdige» Lebensbedingungen vorenthalte.

Immerhin muss Racheline nun die Modalitäten des Moschee-Alltags organisieren: In seinem Vorzimmer wartet an diesem Morgen bereits der regionale Unterpräfekt. Keiner der beiden fährt zur Eröffnung des neuen Gotteshauses, und auch sonst sind keine Behördenvertreter anwesend. Obschon bei jeder Kirchen- oder Synagogen-Einweihung in Frankreich rotweissblaue Schärpen und flammende Reden zum festen Inventar gehören. Nicht aber in El Fath: Hier bleiben die Marokkaner unter sich. Anwesend ist einzig und sehr diskret ein Vertreter des französischen Geheimdienstes. Er grüsst El-Fath-Präsident Maarouf wie einen guten Bekannten, bleibt aber sonst im Hintergrund, wie es sich für seinen Beruf geziemt. Auf Anfrage lässt er freimütig durchblicken, dass er unter anderem darauf achte, ob sich hier in der Moschee «radikale Elemente» breitmachten. Etwas Mühe hat er mit dem Imam, der aus Marokko stamme und kaum Französisch spreche. Er sei aber alt und werde bald ersetzt durch einen jungen Franzosen. Und der sei «in Ordnung», weiss der Polizeiagent.

«Keine Moslems, sondern Gauner»

Abdelkader, ein Arbeiter, der seit 1986 in der Siedlung in Fréjus lebt, ärgert sich über die von der Rechten genährten Gerüchte, im Dunstkreis der Moschee wirke auch eine Handvoll Salafisten. Sein Verein versuche im Gegenteil, gefährdete Jugendliche zu mässigen, bevor sie auf die schiefe Bahn gerieten. «Die Terroristen», fügt Abdelkader von sich aus an, «sind keine Moslems, das sind Gauner.»

Das ist kein Argument für Racheline. Der Mann des Front National hat noch einen Pfeil im Köcher – einen dicken. Er hofft, vor Gericht noch recht zu erhalten. Denn in dem verschachtelten Rechtsstreit um die Moschee hat die Justiz bisher keinen Sachentscheid gefällt. Ende Februar will sie das nachholen. Falls Racheline recht erhält und die Baubewilligung für rechtswidrig bezeichnet wird, müsste die 1,5 Millionen Euro teure Moschee eigentlich abgerissen werden.

«In dem Fall würde ich das Gebäude sofort schliessen», meint der FN-Bürgermeister unversöhnlich. Für die Gläubigen, die so lange auf ein eigenes Gebetshaus warten mussten, wäre das unvorstellbar. «Diese Siedlung war bisher sehr ruhig», meint ein Lokaljournalist, der das erste Freitagsgebet in der Moschee von Fréjus für «Varmatin» beschreibt. «Aber wenn die Moschee wieder dichtmachen muss, wird es hier übel enden. Sehr übel.»

Eine Moschee im «Labor» der Rechten: Die moslemische Gemeinschaft von Fréjus bei der Eröffnung des umstrittenen Gotteshauses. (Bild: Stefan Brändle)

Eine Moschee im «Labor» der Rechten: Die moslemische Gemeinschaft von Fréjus bei der Eröffnung des umstrittenen Gotteshauses. (Bild: Stefan Brändle)

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