Nicht zusammen, nicht getrennt

Das friedliche Zusammenleben von Arabern und Juden in Jerusalem scheint immer schwieriger zu werden. Gleichwohl gibt es im Alltagsleben auch Beispiele, wo die Menschen versuchen, die Probleme zu lösen.

Susanne Knaul
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JERUSALEM. Seit sieben Stunden steht Ahmad Mushasha am Tresen, zerteilt Hühner, jagt Fleischbrocken durch die Hackmaschine, wiegt Leber und Schnitzel. Seine Schicht ist noch lange nicht zu Ende. Mushasha ist einer von gut 50 palästinensischen Mitarbeitern im Supermarkt von Rami Levi. Nur gerade drei von ihnen sind zur Arbeit erschienen. Die Filiale der Discountkette in Givat Shaul ist nur wenige Kilometer von der Synagoge entfernt, in der am Dienstag zwei Terroristen ein blindwütiges Gemetzel unter jüdischen Betenden anrichteten und fünf der Gläubigen töteten.

Aus Angst vor gewaltsamen Wutausbrüchen von jüdischen Israeli trauen sich Mushashas palästinensische Kollegen nun nicht mehr zur Arbeit; deshalb steht er allein am Tresen und muss Überstunden machen. «Wir können nicht immer Angst haben», sagt der 30jährige Familienvater aus Ostjerusalem. Gleichwohl hat er Verständnis für die Kollegen, vor allem für jene, «die kein Auto haben und für die Spätschicht eingeteilt sind». In der Nacht komme es öfter zu Übergriffen. Der Laden schliesst erst um 22 Uhr, donnerstags sogar noch eine Stunde später.

Das Misstrauen wächst

Der Anschlag in der Synagoge war der bisherige traurige Höhepunkt einer ganzen Serie von Attentaten, zu denen es fast täglich kam. Die Angreifer stammen allesamt aus dem Ostteil Jerusalems. Die Palästinenser kommen in den Westteil der Stadt zur Arbeit, zum Einkauf oder zum Arztbesuch. Zwar verschärfte die Polizei mit temporären Strassensperren die Kontrollen, trotzdem ist allen klar, dass es nahezu unmöglich ist, einen entschlossenen Einzeltäter dingfest zu machen, noch bevor er zuschlagen kann. Das Misstrauen wächst. Nicht nur in Jerusalem gelten Palästinenser kollektiv als potenzielle Gefahr. Schon ordnete der Bürgermeister der Stadt Ashkelon an, in den Kindergärten fortan keine Araber mehr zu beschäftigen.

Gleiche Arbeitsbedingungen

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu reagierte diesmal schnell. «Es darf keine Diskriminierung gegen israelische Araber geben», sagte er, und sogar der national-religiöse Wirtschaftsminister Naftali Bennett schloss sich dem Regierungschef an. «99,9 Prozent der Araber sind loyal dem Staat gegenüber», erklärte Bennett, der auch schon mal radikale Positionen vertritt. Problematisch gerade für das konservative israelische Lager ist, dass mit einer Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung aus Westjerusalem die Teilung der «ewig ungeteilten jüdischen Hauptstadt», von der Netanyahu immer wieder spricht, de facto vorangetrieben werden würde. Für Jerusalem gibt es langfristig nur zwei Möglichkeiten: Entweder man teilt die Stadt oder alle ihre Bürger sind gleichberechtigt.

Im Discount von Rami Levi funktioniert die Gleichberechtigung schon ganz gut. Ahmed Mushasha arbeitet seit drei Jahren als Metzger im Supermarkt, der Juden und Araber unter denselben Bedingungen beschäftigt. «Wir bekommen alle den Mindestlohn», sagt er, umgerechnet gut sieben Franken pro Stunde. Rassistische Übergriffe werden sofort unterbunden. «Wenn hier einer Ärger macht, fliegt er raus.» Mushasha gibt sich selbstbewusst. Er ist sympathisch, spricht fliessend hebräisch. «Die meisten Kunden kennen mich», sagt der Metzger. Manchmal werfe ihm einer böse Blicke zu und sei unhöflich. Mushasha reagiert darauf professionell, immerhin ist bei besonders hohem Umsatz auch mal ein Bonus für die Metzger drin.

Kaum auf Schlüsselpositionen

Auf den unteren Ebenen herrschen in den Unternehmen gleiche Arbeitsbedingungen, nur die Aufstiegsmöglichkeiten sind für das Personal aus Ostjerusalem stark eingeschränkt. Filialleiter sind fast immer nur Juden. Genau darum ginge es jedoch bei der Gleichberechtigung. «Wie viele Araber besetzen Schlüsselpositionen?», fragt beispielsweise Salah Muhsen, Sprecher von «Adalah», dem juristischen Beratungszentrum für die arabische Minderheit in Israel. Nicht ein einziges israelisches Ministerium habe einen arabischen Generaldirektor, und im Innenministerium «sind so gut wie gar keine Araber angestellt».

Muhsen schimpft auf Regierungschef Netanyahu und Wirtschaftsminister Bennett, die sich viel zu spät und viel zu schwach gegen Diskriminierungen positioniert hätten. Die aktuelle Welle von Kündigungen von arabischen Mitarbeitern sei kein neues Phänomen. «Schon während des Gaza-Krieges sind viele Leute entlassen worden.» Ein jüdischer Mitarbeiter von Rami Levi, der seinen Namen nicht nennen will, gibt zu, dass es ihm lieber wäre, wenn er nur jüdische Arbeitskollegen hätte. «Angst habe ich nicht», sagt der Mittvierziger mit Kippa (Kopfbedeckung frommer Juden), aber «es hat schliesslich schon Fälle gegeben, wo sich ein scheinbar netter arabischer Kollege plötzlich als Mörder entpuppte».

Viele bleiben gelassen

Die etwa gleichaltrige Tamar, die nur ihren Vornamen nennt, ist seit 1995 in der Filiale, wo sie in der Verwaltung hilft. «Dass die Mitarbeiter aus Ostjerusalem wegbleiben, bedeutet für mich, dass ich heute abend die Toiletten putzen muss», sagt sie – und nimmt es mit Gelassenheit. Sie könne ihre arabischen Kollegen verstehen. «Die wussten, dass es brenzlig werden könnte.» Ihr persönlich sei es ganz egal, ob sie mit einem Juden oder mit einem Palästinenser zusammenarbeite. «Manche mag man und manche nicht.»