Humanitäre Hilfe: In jordanischem MSF-Spital wird «nicht nach der Herkunft gefragt»

Das Spital für rekonstruktive Chirurgie von «Ärzte ohne Grenzen» in Amman ist vor allem für Kriegsverletzte aus dem Jemen oft die letzte Hoffnung.

Michael Wrase, Amman
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Ibrahim Mohammed Saleh (Zweiter von rechts) mit anderen Patienten Mitte August im Hof des MSF-Spitals in Amman. (Bild: Michael Wrase)

Ibrahim Mohammed Saleh (Zweiter von rechts) mit anderen Patienten Mitte August im Hof des MSF-Spitals in Amman. (Bild: Michael Wrase)

Der neunjährige Anas ist ein ernster Junge. Schüchtern schmiegt er sich an die Schulter des Vaters, der mit stockender Stimme erzählt, was seinem Sohn «an diesem schrecklichen Mittwoch» im Sommer 2015 in der jemenitischen Hafenstadt Aden widerfahren ist. «Wir kamen von einer Trauerfeier. 36 Menschen waren am Vortag bei Gefechten ums Leben gekommen. Trotzdem hatten die Kriegsparteien schon wieder neue Checkpoints und Barrikaden errichtet und begannen mit dem wahllosen Beschuss der Gegenseite. Dabei wurde auch unser Haus von einer Granate getroffen», berichtet Saber Abdu Said und ballt seine Hand zur Faust.

Erregt und empört will uns der Vater das völlig vernarbte Bein seines Sohnes zeigen. Doch Anas wehrt sich, beginnt leicht zu zittern. Dann entblösst er für einen kurzen Moment seine furchtbare Kriegsverletzung. Granatsplitter hatten neben Verbrennungen schwere Nervenverletzungen an den Beinen sowie im Fersenbereich des jungen Jemeniten verursacht. Nach mehreren erfolglosen Operationen wurde Anas von einem Team der Organisation «Ärzte ohne Grenzen» (MSF) in Aden untersucht und seine Krankenakte nach Amman geschickt.

Dort entscheidet der Arzt Ajeeb Almimari über die Aufnahme der Kriegsverletzten. Sie kommen aus Syrien, dem Irak, dem Gazastreifen und dem Jemen, wo die medizinische Versorgung am schwierigsten ist. «Wir fragen nicht nach der Herkunft unserer Patienten oder ihren politischen Überzeugungen, sondern urteilen ausschliesslich nach medizinischen Kriterien», stellt der jemenitische Chirurg und Hilfskoordinator klar.

Lange und gefährliche Anreise der Patienten

Aufgenommen würden in erster Linie sogenannte «Cold Cases»-Patienten, deren komplizierte Verletzungen in ihren Heimatländern nicht weiter behandelt werden könnten. Patienten wie der junge Anas, der während seines viermonatigen Spitalaufenthalts in Amman bereits zweimal «un­ter das Messer» kam und nachmittags von einem Kinderpsychologen betreut wird. Bis zu einem Jahr könne die Behandlung dauern. Die Kosten würden zu 100 Prozent von «Ärzte ohne Grenzen» übernommen. Die Klinik, betont Almimari nicht ohne Stolz, sei das «mit Abstand teuerste Projekt» der französischen Hilfsorganisation.

Fast 5000 Patienten wurden seit 2006 im MSF-Spital für rekonstruktive Chirurgie in Amman operiert. Aus dem Jemen werden jeden Monat rund 20 Kriegsverletzte aufgenommen. Sie haben die längste und gefährlichste Anreise hinter sich. Es dauere oft mehrere Tage, bis sie durch die Einflussgebiete der verschiedenen Kriegsparteien zu den Flughäfen von Aden und Seyyun (in der Provinz Hadramaut) geschleust würden. «Die Verhöre an den Checkpoints der Warlords dauern oft stundenlang», weiss Firas Nasser, ein Arzt aus Sanaa, der die humanitäre Situation in seinem Land als «absolut dramatisch» beschreibt.

Mehr als 80 Prozent der 24 Millionen Jemeniten seien auf Überlebenshilfe der Vereinten Nationen angewiesen. Im Zentraljemen sei zudem erneut die Cholera ausgebrochen. Über den Kriegsverlauf will sich Nasser nicht äussern. Das würde «unsere Arbeit gefährden», erklärt der junge Mediziner, als wir im Hof des MSF-Spitals mit Ibrahim Mohammed Saleh zusammentreffen. Der 27-Jährige wurde während des Volksaufstands gegen den im Dezember letzten Jahres von den Huthi-Rebellen ermordeten jemenitischen Präsident Ali Abdallah Saleh am Rücken und beiden Beinen schwer verletzt. Mit Mörsergranaten hatten dessen Soldaten im Sommer 2011 eine Massendemonstration in Aden aufgelöst.

Angst vor der Rückkehr

«Fünf Monate konnte ich gar nicht laufen, danach unter grossen Schmerzen hinken», erzählt Ibrahim im Kreise seiner Freunde. Der etwas füllige Jemenit ist eine Frohnatur. Sein Lachen steckt auch die anderen Patienten an und sorgt meist für gute Stimmung. Nach elf Monaten Spitalaufenthalt, in denen er viermal operiert wurde, kann er nun wieder fast beschwerdefrei laufen.

Anfang September soll Ibrahim zurück nach Aden fliegen. Als wir ihn nach seinen Erwartungen fragen, verrät sein Gesichtsausdruck plötzlich Angst und Unsicherheit. Sein Lachen ist verflogen. «Ich weiss, dass ich in Aden jederzeit sterben kann, wenn ich, wie damals, am falschen Ort bin», sagt Ibrahim leise. Und Aden, fügt er bedrückt hinzu, sei «im Moment wohl der falsche Ort».

Nicht alle Patienten teilen diese Ansicht. Er werde nach seiner baldigen Rückkehr «ein neues Leben im Jemen beginnen», verkündet Mohammed Abdallah al Azzi stolz und reckt sein markantes Kinn nach vorn. Zwei Jahre lang wurde der 30-Jährige von den «Ärzten ohne Grenzen» behandelt und nach einem Panzerfaustangriff auf seinen Pritschenwagen an der saudisch-jemenitischen Grenze «regelrecht zusammengeflickt». «Als ich nach Amman kam, sass ich im Rollstuhl», sagt Mohammed: «Heute kann ich wieder laufen und muss dieses grosses Geschenk auch nutzen.» Würde er jetzt resignieren, dann wäre die aufopferungsvolle Arbeit der jordanischen Ärzte im MSF-Spital ja umsonst gewesen.