«Nicht länger tolerieren»

Es gab in den USA schon strengere Waffengesetze, doch wurden sie auf Druck der Waffenlobby nicht verlängert. Nun fordern erste prominente Politiker eine Kehrtwende.

Frank Herrmann
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Zeichen der Anteilnahme nach dem Blutbad in der Sandy Hook School in Newtown. (Bild: ap/Julio Cortez)

Zeichen der Anteilnahme nach dem Blutbad in der Sandy Hook School in Newtown. (Bild: ap/Julio Cortez)

NEWTOWN. Über Nacht bekam einen bitteren Beigeschmack, was auf dem weissen Schild steht: «Sandy Hook School – 1956 – Visitors Welcome.» Nicht nur, dass die Schule keine Besucher mehr empfängt. Auf absehbare Zeit wird es dort auch keinen Unterricht mehr geben. Im neuen Jahr sollen die 436 Kinder, die Adam Lanzas Amoklauf überlebten, Schulen in Nachbarorten besuchen, danach will man weitersehen. Wer weiss, ob die Sandy Hook School jemals wieder öffnet. Vielleicht wird sie gar abgerissen.

Wie mit den Schülern reden?

Solche Gedanken gehen Nicole Carpenter durch den Kopf. Die Englischlehrerin ist am Sonntag aus der Küstenstadt Stamford hinauf nach Newtown gefahren, um an dem Schild mit der Jahreszahl 1956 eine Kerze anzuzünden. Sie hat sich den Kopf darüber zerbrochen, wie sie am Montag, dem ersten Schultag nach dem Blutbad, mit ihren Sechstklässlern darüber reden sollte. «Herumdrucksen darf man nicht, es hat ja jeder mitbekommen, was hier geschah. Aber es ist eine delikate Balance, du musst auch nach vorn schauen und darfst nicht nur über das Schreckliche reden.» Nach einer Schweigeminute will Nicole Carpenter von Rachel Joy Scott erzählen, dem ersten Opfer des Amoklaufs von Littleton, Colorado.

Aktion zur Mitmenschlichkeit

Am 20. April 1999, als Eric Harris und Dylan Klebold in der Columbine High School mordeten, sass die Siebzehnjährige in der Schulbibliothek. In ihren Tagebüchern, bald darauf freigegeben, schrieb sie von ihrer Überzeugung, dass ein Mensch eine Kettenreaktion der Mitmenschlichkeit auslöst, wenn er sich übers normale Mass hinaus um andere kümmert. Darauf beruht «Rachel's Challenge», eine Initiative amerikanischer Schulen, gerichtet gegen Halbstarke, die Schwächere gern drangsalieren. Wer sich besonders solidarisch oder mutig oder motivierend verhält, bekommt eine Zeichnung mit den Konturen der Hand von Rachel Joy Scott. Vielleicht, hofft Carpenter, löst gerade die unfassbare Tragödie von Newtown eine Lawine des Sich-Kümmerns aus.

Zunächst dreht sich die Debatte vor allem darum, wie die Schulen besser geschützt werden können. Überall in den USA wurden die Patrouillen um Lehreinrichtungen verstärkt, stehen an den Zufahrten Polizeiautos. Und Priscilla Dass-Brailsford, Trauma-Expertin der Georgetown University, gibt Eltern und Schülern den guten Rat, das alles so weit wie möglich zu ignorieren. «Das Wichtigste ist, die Routine zu wahren und sicherzustellen, dass unsere Kinder zum Unterricht gehen.»

Zurück zu altem Gesetz

Dann ist da die Hoffnung, die Politik stelle die Weichen endlich neu. Laut «Wall Street Journal» denkt das Weisse Haus darüber nach, schnellstmöglich zurückzukehren zu einem Gesetz, das den Verkauf hochleistungsfähiger Magazine untersagt. Es geht um Magazine, die es einem Schützen erlauben, dutzendfach zu feuern, ohne nachladen zu müssen. Im 1994 unter Bill Clinton beschlossenen «Assault Weapons Ban» war so ein Passus verankert, ebenso das Verbot, bestimmte halbautomatische Waffen zu vertreiben. Zehn Jahre später lief das Gesetz aus, nachdem die Waffenlobby Druck ausgeübt hatte, es nicht zu verlängern.

Dianne Feinstein, demokratische Senatorin aus Kalifornien, ist nach dem New Yorker Bürgermeister die erste Politikerin von Rang, die eine Kehrtwende hin zur alten Regelung fordert. Sobald im Januar der neugewählte Kongress zusammentritt, will sie einen Vorstoss einreichen, damit «die Waffen des Krieges aus unseren Strassen verschwinden». Auch Präsident Obama kündigte, wenn auch recht allgemein, Korrekturen an, als er sich an einer bewegenden Trauerfeier in der High School von Newtown an die Nation wandte. «Wir können das nicht länger tolerieren. Es darf keine Ausreden für Untätigkeit geben», sagte er. «Sind wir wirklich bereit zu sagen, dass wir machtlos sind angesichts eines solchen Gemetzels? Sind wir bereit zu sagen, dass solche Gewalt, wie sie unsere Kinder Jahr für Jahr heimsucht, der Preis für unsere Freiheit ist?»

Gegenwehr ermöglichen

Aber es gibt auch andere Stimmen. Sie fordern, auch die Lehrer zu bewaffnen, so dass ein um sich schiessender Eindringling auf Gegenwehr stösst. «An meiner Haltung hat sich überhaupt nichts geändert», sagt Jason Chaffetz, ein republikanischer Kongressabgeordneter aus Utah. Statt den Waffenhandel zu regulieren, sollte das Parlament lieber darüber nachdenken, wie die Nation mit mental kranken Menschen umgehe.

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