«Nicht den Rücken zukehren»

Während die britische Regierung in London das Machtvakuum zu füllen versucht, tragen führende Brexit-Befürworter wie Boris Johnson zu weiterer Verwirrung bei.

Sebastian Borger/London
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Noch ist in Grossbritannien unklar, was die Stunde am Big Ben geschlagen hat. (Bild: epa/Hannah McKay)

Noch ist in Grossbritannien unklar, was die Stunde am Big Ben geschlagen hat. (Bild: epa/Hannah McKay)

Der amtierende Premier David Cameron und seine Regierung haben gestern den konzertierten Versuch unternommen, nach dem Brexit-Votum die Märkte und das Wahlvolk zu beruhigen. Es gehe jetzt darum, «das Land zusammenzubringen», sagte der scheidende Regierungschef im Unterhaus. Grossbritannien werde auch weiter auf der Weltbühne aktiv sein: «Wir dürfen Europa und dem Rest der Welt nicht den Rücken zukehren.» Eine Arbeitsgruppe aus Beamten von Schlüsselministerien soll die notwendigen Verhandlungen mit den 27 EU-Mitgliedern vorbereiten.

Verschiedene Beruhigungsversuche

Erstmals seit Donnerstag wandte sich auch Finanzminister George Osborne an die Öffentlichkeit. Er nannte die britische Wirtschaft «stark und widerstandsfähig». Gleich am Freitag, unmittelbar nach Bekanntgabe des Brexit-Ergebnisses, hatte Zentralbank-Gouverneur Mark Carney die Märkte zu beruhigen versucht: Man sei auf alle Eventualitäten vorbereitet. Auch Osborne betonte die «robusten Notfallpläne». Er galt als enger Vertrauter von Premier Cameron und bisher auch als dessen wahrscheinlichster Nachfolger. Diese Kalkulation hat die Volksabstimmung zunichte gemacht. Spekulationen der Londoner Medien zufolge könnte sich Osborne für den Brexit-Vorkämpfer Boris Johnson als neuen Tory-Chef und Premier aussprechen. Dem vorläufigen Fahrplan der Partei zufolge soll der Nachfolger Camerons bis Anfang September feststehen.

Das Pfund sackte gegenüber dem US-Dollar auf den tiefsten Stand seit 31 Jahren, der Aktienindex FTSE 250 gab um 6,6 Prozent nach. Eine Umfrage unter kleineren und mittleren Unternehmen übers Wochenende ergab: Ein Viertel haben ihre Expansionspläne eingefroren, ein Fünftel erwägen die Verlegung von Firmenteilen ins EU-Ausland, fünf Prozent planen Entlassungen.

Die oppositionelle Labour-Party verbrachte auch den gestrigen Tag damit, sich zu zerfleischen. Seit Parteichef Jeremy Corbyn am frühen Sonntagmorgen den aussenpolitischen Sprecher Hilary Benn gefeuert hatte, sind mehr als ein Dutzend Mitglieder des Schattenkabinetts zurückgetreten. Corbyn habe das Vertrauen der Fraktion verloren, teilte Partei-Vize Tom Watson mit, der wegen seiner Urwahl durch die Mitglieder Unabhängigkeit vom Vorsitzenden geniesst. Die wirtschaftspolitische Sprecherin Angela Eagle teilte der BBC unter Tränen mit: «Ich habe versucht, meinen Job zu machen. Aber der Parteichef muss mit dem Land im Gespräch sein, und das kann Jeremy nicht.»

Schwadronierender Boris Johnson

Gestern abend beriet die Fraktion über ein Misstrauensvotum gegen den Linksaussen Corbyn, der seinen Rücktritt verweigert: Er habe «das Mandat der Mitglieder», teilte der 67-Jährige mit. Tatsächlich war der frühere Dauer-Hinterbänkler erst im September mit grossem Vorsprung vom Parteivolk gewählt worden. Die Fraktion wirft ihm mangelndes Engagement im Abstimmungskampf vor.

In seiner wöchentlichen Kolumne für den «Daily Telegraph» (Jahreshonorar: umgerechnet 320 000 Franken) widersprach Londons Ex-Bürgermeister Johnson dem Eindruck, die Briten hätten sich beim Brexit von ihrer Furcht vor zu viel Immigration leiten lassen. Für die Zukunft erhofft er sich einen neuen Deal mit der EU: Sein Land wolle weiter freien Zugang zum Binnenmarkt, auch dürfe die Freizügigkeit von Briten, die auf dem Kontinent arbeiten wollten, nicht eingeschränkt werden.

Über derlei schütteln Experten nur die Köpfe. Nach Matthew Goodwin von der Universität Kent, Kenner des Milieus der Unabhängigkeitspartei (Ukip), spiegelt das Brexit-Votum eindeutig den Wunsch nach «einer Einschränkung der Freizügigkeit und weniger Immigration». Was aber, wenn die Politiker in Westminster sich diesem Wunsch entziehen? Der Effekt, glaubt Goodwin, wäre explosiv: «Genauso gut könnten sie Benzin ins Ukip-Feuer schütten.»