New Yorks Polizisten gehen in den Bummelstreik

NEW YORK. Der Chef der grössten Polizeigewerkschaft New Yorks, Patrick Lynch, legt seine Worte nicht auf die Goldwaage. Für das Raubein hat Bürgermeister Bill de Blasio «Blut an den Händen».

Thomas Spang
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NEW YORK. Der Chef der grössten Polizeigewerkschaft New Yorks, Patrick Lynch, legt seine Worte nicht auf die Goldwaage. Für das Raubein hat Bürgermeister Bill de Blasio «Blut an den Händen». Das Blut der Polizeibeamten Wenjian Liu und Rafael Ramos, die ein Amokläufer im Dezember angeblich aus Rache für die Polizeigewalt gegen Schwarze ermordet hatte. Lynch hält dem Linken de Blasio vor, seine Kollegen «den Wölfen vorgeworfen» zu haben. Warum? Weil der Bürgermeister Kritik an dem Jury-Freispruch des Beamten geübt hatte, in dessen Würgegriff der schwarze Zigarettenhändler Eric Garner ums Leben kam.

«Cops» ignorieren de Blasio

Die «blaue Bulldogge», wie Lynch vom Nachrichtenmagazin «Newsweek» bezeichnet wurde, führt mit seinen mehr als 20 000 Gewerkschaftsbrüdern seitdem «kalten Krieg» gegen seinen Dienstherren am «Big Apple». Auf den Beerdigungsfeiern für die ermordeten Polizisten zeigten die «Cops» de Blasio sprichwörtlich die kalte Schulter. Zuletzt an diesem Sonntag, als der Bürgermeister zu den Trauergästen sprach, welche Liu die letzte Ehre erwiesen. Die Beamten ignorierten die Mahnung des Polizeichefs Bill Bratton, aus Rücksicht auf Angehörige von politischen Missfallens-Kundgebungen Abstand zu nehmen.

Für nicht minder unangemessen halten Bratton und de Blasio den offiziell nicht ausgerufenen Bummelstreik, mit dem die «blaue Bulldogge» den Druck auf die Stadtregierung erhöhen will. Seit dem Mord an den beiden Polizisten stellten die New Yorker «Cops» so gut wie keine Strafzettel mehr für Falschparkierer aus – minus 90 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Einnahmeverluste summieren sich in einer Woche auf mehr als zehn Millionen Dollar. Auch die Zahl der Festnahmen ging um mehr als die Hälfte zurück.

Lynch tut offiziell so, als sei das Verhalten seiner Kollegen spontan. Tatsächlich haben Lynchs Truppe und andere Gewerkschaften laut Informationen der «New York Post» intern die Marschrichtung ausgegeben, «nur absolut notwendige Festnahmen durchzuführen». Gleichzeitig versicherte eine namentlich nicht genannte Quelle dem Blatt, jeder Notruf werde weiterhin beantwortet. Es gebe keinen Grund, um die öffentliche Sicherheit zu fürchten.

Kritiker fühlen sich bestätigt

Während Polizeichef Bratton auf einer Pressekonferenz am Montag versprach, der Sache auf den Grund zu gehen, fühlen sich Kritiker des Polizeidepartements durch das unbeabsichtigte Eingeständnis bestätigt. Der Kolumnist Matt Taibbi findet es absurd, dass die Polizei Druck auf den Bürgermeister ausüben will, indem sie nur tue, was sie zur Aufrechterhaltung der Ordnung erledigen müsse. «Das legt offen, was so viele Wähler an den Polizeitaktiken ärgert», streut der Schreiber Salz in die Wunde. Statt die Stadtkasse mit Strafzetteln zu füllen, sollten sich die Beamten ganz selbstverständlich nur auf das Notwendige konzentrieren. Die als Protest gedachte Zurückhaltung sei vielleicht eine dauerhafte Lösung für das verbreitete Unbehagen über das Auftreten der Polizei.

Bürgermeister de Blasio findet sich derweil in einer nicht minder ironischen Situation wieder. Während er mit der «blauen Bulldogge» im Dauerclinch liegt, lobt er die Polizei über den grünen Klee. Anfang der Woche zitierte er stolz eine Statistik, die «einen dramatischen Rückgang der Kriminalität» am Big Apple ausweist. Demnach fiel 2014 die Zahl der Straftaten um 4,6 Prozent auf ein Niveau, das die Metropole zuletzt 1963 gesehen hatte. Als wäre nichts geschehen, stellt de Blasio dann lapidar fest: «Wir haben die weltbeste Polizei. Das ist seit vielen Jahren wahr».