Neutrale linke Volkserziehung

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Giuseppe Gracia
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Die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) sah sich jüngst genötigt, ihre eigene, bereits 2016 erschienene Studie zum Berufsverständnis der Schweizer Journalisten zu kommentieren. Grund dafür bot die Berichterstattung der «Sonntagszeitung» über die politische Ausrichtung der Journalisten beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF): Laut Studie sehen sich fast 70 Prozent der SRF-Journalisten politisch links. 16 Prozent zählen sich zur Mitte, und nur 16 Prozent bezeichnen sich als rechts. So weit die sonntägliche Neuigkeit.

«Entdeckt» wurde also eine Linksdominanz. Diese ist aber laut ZHAW-Kommentar nicht neu und auch bei privaten Medien anzutreffen, und sie scheint auch niemanden gross zu überraschen oder gar zu beunruhigen. Denn Journalisten sind bekanntlich sehr souveräne Wesen, die ihre Überzeugungen an der Eingangstür zur Redaktion abgeben. Sie besitzen die Fähigkeit, das eigene Weltbild zu transzendieren. Sie wirken jenseits persönlicher Prägungen und Abneigungen auf der Hochebene professioneller Unvoreingenommenheit. Das bedeutet: Linke Journalisten hegen ausschliesslich in der Freizeit Sympathien für Sozialismus und Angela Merkel, für geschlechtsneutrale Toiletten oder emanzipierte islamische Kopftücher. Ausserdem sind sie, im Vergleich zu den 16 Prozent der Kollegen aus dem rechten Lager, viel besser in der Lage, Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen. Weil nämlich, so ein Zürcher Medienprofessor anlässlich der Studie, die journalistische Kontrollfunktion viel stärker «mit einem linken gesellschaftspolitischen Gedankengut» korreliert.

Nun wissen wir es also: Seit Jahren erklären uns linke Journalisten die Welt nicht nur völlig neutral, sondern sie verstehen dabei auch noch viel mehr von Machtkritik als die Kollegen vom rechten Rand. Das ist logisch, wohnen doch die Mächtigen und Reichen in der Regel ebenfalls am rechten Rand, und die können ja nicht selber etwas von Machtkritik verstehen. Angesichts dieser Logik bleibt nur noch die Frage, was wir mit einer Studie angefangen hätten, nach welcher sich umgekehrt rund 80 Prozent der Journalisten als Mitte-rechts oder rechts bezeichneten. Wären wir dann gewarnt worden vor einem medialen «Rechtsrutsch» in unserer Nation, vor einer diabolischen «Blocherisierung» der SRG und damit unserer Demokratie?

Fest steht jedenfalls, dass in unseren Breitengraden so etwas wie ein Linksrutsch niemals drohen kann, so wenig wie Rassismus, Faschismus oder Gewalt von links. Solche Dinge werden durch eine neutrale politische Korrektheit verhindert. Das ist ein Instrument, um bei typischen Links-rechts-Kontroversen wie Migration, Globalisierung, Islam oder Gender Mainstreaming strapazierende argumentative Auseinandersetzungen zu vermeiden: Man unterteilt die Diskursteilnehmer einfach in Gute, Fortschrittliche und in Reaktionäre, Faschistoide. Und dann wartet man, bis sich nur noch die Guten und Fortschrittlichen ans Licht der Öffentlichkeit getrauen. Die Linken waren schon immer die besseren Erzieher und Volkspädagogen. Wenn sie ab und zu die Hochebene professioneller Unvoreingenommenheit verlassen und bürgerlich-konservative Mitmenschen als Klimaleugner anprangern, als Rassisten, Homophobe, Islamophobe oder Abtreibungshasser, dann geschieht das nur im Dienst der Machtkritik und einer gerechten Gesellschaft. Deswegen ist es auch unnötig, die mediale Linksdominanz zu problematisieren. Das Problem sind vielmehr wir, die Schüler, die noch nicht begriffen haben, wie heilsam unsere Lehrer wirken.

Giuseppe Gracia

Schriftsteller und Medienbeauftragter Bistum Chur