Neuseeland hat Corona zum zweiten Mal besiegt: Der Inselstaat hebt sämtliche Beschränkungen auf

Dank strenger Massnahmen hat Neuseeland auch den zweiten Ausbruch unter Kontrolle gebracht. Ein Wermutstropfen bleibt allerdings.

Matthias Stadler aus Auckland
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Das Virus zum zweiten Mal besiegt: Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern hat mit ihrer Lockdown-Strategie abermals Erfolg.

Das Virus zum zweiten Mal besiegt: Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern hat mit ihrer Lockdown-Strategie abermals Erfolg.

David Rowland / EPA

Es ist gutes Timing: In Neuseeland macht sich der Frühling dieser Tage so richtig bemerkbar. Bestes Wetter lockt die Leute nach draussen, Mutige wagen sich bereits ins noch kühle Meer. Schön also, wenn die Sorgen um Covid-19 wieder im Hinterkopf abgelegt werden können.

Denn das Land verzeichnet seit knapp zwei Wochen keine neuen Fälle in der Bevölkerung mehr. 40 Personen tragen das Virus noch in sich. 34 davon haben es in Übersee aufgeschnappt. Tendenz seit Wochen sinkend. Alle Infizierten befinden sich in Quarantäne. «Das Virus ist mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit eingedämmt», erklärte Premierministerin Jacinda Ardern am Montag.

Wir können stolz auf das Erreichte sein

Deshalb entschied die sozialdemokratische Regierung nun, dass beinahe sämtliche Restriktionen im Inselstaat am Donnerstag aufgehoben werden. «Wir können stolz auf das Erreichte sein», sagte die Premierministerin. «Wir haben uns an den Plan gehalten und das Virus erneut besiegt.»

Die Ankündigung war erwartet worden. Denn mit Ausnahme der grössten Stadt Auckland gilt für den Rest des Landes bereits seit zwei Wochen die tiefste der vier Alarmstufen. Auckland musste zuwarten, weil es in der Stadt im August zu einem Ausbruch gekommen war.

Hart und früh eingreifen

Neuseeland hat damit auch den zweiten Ausbruch des Coronavirus verhältnismässig schnell unter Kontrolle gebracht. Anfangs Juni vermeldete die Regierung nach einem knapp zwei Monate langen, strengen Lockdown, dass das Land Covid-frei ist, fast alle Einschränkungen wurden aufgehoben.

Hundert Tage später wurden in Auckland vier neue Fälle bekannt, Jacinda Ardern schickte die Metropole mit 1,7 Millionen Einwohnern deswegen im August für mehr als zwei Wochen in einen zweiten Lockdown und schottete die Stadt auch vom Rest Neuseelands ab. 179 Personen wurden in dieser zweiten Welle im August angesteckt, welche nun unter Kontrolle ist.

«Hart und früh eingreifen», so lautet das Motto der Premierministerin. Gestorben sind bis dato 25 Personen, 1855 Fälle registrierten die Behörden seit Ausbruch des Virus.

Ausländische Touristen bleiben aussen vor

Der Inselstaat befindet sich somit erneut in einer einzigartigen Lage. Während das Virus weltweit nach wie vor tobt, können in Neuseeland ab Donnerstag wieder Veranstaltungen ohne Zuschauerlimiten stattfinden, der Alltag kehrt zurück.

Ein grosser Wermutstropfen bleibt allerdings. Die Grenzen sind seit Mitte März geschlossen und bleiben es wohl noch eine Weile. Einzig Einheimische und Spezialisten können einreisen. Ausländische Touristen bleiben aussen vor. Neuseeländer dürfen zwar ausreisen, doch wenn sie zurückkommen, müssen sie sich direkt nach der Ankunft für zwei Wochen in ein vom Staat organisiertes Isolationshotel begeben und dafür auch noch rund 1900 Franken hinblättern. Die meisten Kiwis tun sich das nicht an.

Was ist Ihr Plan B?

Nun wird intensiv an einer Reiseblase mit Australien gearbeitet. Ab Mitte Oktober können Neuseeländer wieder in einige Regionen Australiens reisen, ohne dass sie sich dort nach der Ankunft in Isolation begeben müssen. Doch umgekehrt, also von Australien nach Neuseeland, gilt nach wie vor Isolationszwang. Ändern könnte sich das möglicherweise noch vor Weihnachten, doch ist noch nichts druckreif.

Vom Moderator einer Fernsehdebatte gefragt, wann das Land seine Grenzen für den Rest der Welt wieder öffnen wird, antwortete die Premierministerin vergangene Woche: sobald ein Impfstoff vorhanden ist. «Aber was geschieht, wenn es keinen Impfstoff gibt, oder erst in einigen Jahren? Was ist Ihr Plan B?», hakte der Moderator nach. Jacinda Ardern führte aus, dass es «keinen Plan B» gebe: «In Europa sieht man, wie der Plan B aussieht. Mit Covid-19 leben, wobei Menschen ihr Leben verlieren.»

Weitere Lockdowns möglich

Sie stellte zudem klar, dass sie bei einem erneuten Ausbruch des Coronavirus nicht zögern würde, einen weiteren, sprich dritten, Lockdown einzuführen. Die Sozialdemokratin betont während ihren Auftritten gerne, dass es neben der Gesundheit der Bevölkerung auch «für die Wirtschaft besser ist, jeweils einen kurzen Lockdown einzuführen. Denn damit kann die Ausbreitung des Virus schnell unter Kontrolle gebracht werden, woraufhin die Wirtschaft sich schneller wieder öffnen kann.»

Die Bevölkerung scheint hinter Ardern und somit auch den Massnahmen zu stehen. Umfragen deuten nach wie vor auf einen Erdrutschsieg ihrer Partei «Labour» am 18. Oktober hin. Konsequenterweise heisst das auch: Neuseeland bleibt wohl noch eine Weile vom Rest der Welt abgeschottet. Und dass es zu einem weiteren Ausbruch im Land kommen wird, ist laut Experten nur eine Frage von «wann», nicht «ob». Ein weiterer Lockdown hängt also wie ein Damoklesschwert über dem Inselstaat.

Dessen ist sich auch Ardern bewusst. Doch die Strategie – das Virus auf Teufel komm raus vom Land fernzuhalten, statt wie der Rest der Welt lernen, irgendwie mit dem Virus umzugehen – scheint momentan aufzugehen. Der Erfolg gibt ihr zumindest kurzfristig recht.

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