Neue Vorwürfe gegen den Papst

Benedikt XVI. wird immer tiefer in den Missbrauchsskandal hineingezogen. Als Kardinal soll er einen amerikanischen Priester gedeckt haben, der anscheinend Hunderte Buben missbraucht hat.

Dominik Straub
Drucken
Teilen
Kritik am Papst: Vertreter einer Betroffenenorganisation aus Milwaukee geben eine Pressekonferenz vor dem Vatikan. (Bild: ap/Pier Paolo Cito)

Kritik am Papst: Vertreter einer Betroffenenorganisation aus Milwaukee geben eine Pressekonferenz vor dem Vatikan. (Bild: ap/Pier Paolo Cito)

Rom. Den neuesten Fall von Kindesmissbrauch durch katholische Priester hat die «New York Times» aufgedeckt. Im Zentrum des Skandals steht der 1998 verstorbene Priester Lawrence Murphy. Dieser hatte von 1950 bis 1974 in einer Schule für hörbehinderte Kinder im US-Bundesstaat Wisconsin gearbeitet und soll sich in dieser Zeit an zweihundert Schülern vergangen haben.

Jahrzehnte danach, im Jahr 1996, hätten sich die US-Bischöfe mehrfach an die vom damaligen Kardinal Joseph Ratzinger geleitete Glaubenskongregation gewandt und gewarnt, dass der Fall «peinlich für die Kirche» werden könnte.

Vatikan bestreitet Fakten nicht

Die «New York Times» beruft sich in ihrem Bericht auf Akten, die sie von Anwälten erhalten hat, die Missbrauchsopfer gegen das Erzbistum von Milwaukee vertreten.

Aus dem Briefwechsel zwischen Rom und den amerikanischen Bischöfen gehe hervor, dass der damalige Vizepräfekt der Glaubenskongregation, Tarcisio Bertone, zunächst ein kircheninternes Verfahren angeordnet habe. Dieses sei aber nach einem Protestbrief Murphys nach Rom wieder gestoppt worden. Die oberste Priorität der Glaubenskongregation habe darin bestanden, die Kirche vor einem Skandal zu schützen, schreibt die Zeitung.

Der Vatikan stellt die Fakten nicht in Abrede und spricht von einem «tragischen Fall». Bei den Kindern, die von Murphy missbraucht wurden, habe es sich um «besonders verletzliche Opfer gehandelt, die schrecklich unter dem litten, was er tat». Als Grund für den Verzicht auf Sanktionen nannte Vatikansprecher Pater Federico Lombardi den Umstand, dass die Taten bereits Jahrzehnte zurücklagen, als die Glaubenskongregation darüber informiert wurde. Zudem seien über zwanzig Jahre keine weiteren Missbrauchsvorwürfe mehr gemeldet worden.

Ausserdem sei Priester Murphy alt und in sehr schlechtem Gesundheitszustand gewesen. Vier Monate nach der Einstellung des kirchenrechtlichen Verfahrens starb Murphy, ohne je für seine Taten gebüsst zu haben.

Als Erzbischof geschwiegen

Wenige Tage nachdem der Papst in einem Hirtenbrief seiner Bestürzung über die Untaten von Priestern Ausdruck verliehen hat, ist Benedikt XVI. vom Missbrauchsskandal wieder eingeholt worden.

Und es ist nicht das erste Mal, dass ihm persönlich eine Rolle beim Vertuschen der Delikte vorgeworfen wird: Laut deutschen Presseberichten hatte Joseph Ratzinger als Erzbischof von München und Freising 1980 dem Umzug eines pädophilen Priesters von Essen nach Oberbayern zugestimmt, wo dieser sich wieder an Kindern vergriff. Die Polizei war nicht eingeschaltet worden.

«Es gab in der ganzen katholischen Kirche keinen einzigen Mann, der so viel wusste über die Missbrauchsfälle wie Joseph Ratzinger, und zwar ex officio, Kraft seines Amtes», erklärte kürzlich der Theologe Hans Küng in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens. Der heutige Papst sei 24 Jahre lang in der Glaubenskongregation gewesen, «wo seit langem alle Missbrauchsfälle zentralisiert sind, damit sie unter höchster Geheimhaltungsstufe unter der Decke gehalten werden können».

Aktuelle Nachrichten