Neue Spannungen zwischen Israel und der Hisbollah

BEIRUT. Knapp neun Jahre nach dem für beide Seiten verheerenden «33 Tage-Krieg» zwischen Israel und der Hisbollah bereitet man sich in Beirut und im Süden Libanons erneut auf den Ernstfall vor.

Michael Wrase
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BEIRUT. Knapp neun Jahre nach dem für beide Seiten verheerenden «33 Tage-Krieg» zwischen Israel und der Hisbollah bereitet man sich in Beirut und im Süden Libanons erneut auf den Ernstfall vor. Der Grund dafür ist der Tod von sechs hochrangigen Mitgliedern der islamistischen Hisbollah-Miliz und sechs iranischen Soldaten. Sie kamen am Sonntagnachmittag bei einem israelischen Helikopterangriff im syrischen Teil der Golanhöhen ums Leben. In den Ortschaften entlang der Grenze zu Israel wurden darauf Angehörige der schiitischen Milizen in Alarmbereitschaft versetzt. Im 90 Kilometer entfernten Beirut flüchteten Tausende von Zivilisten in vermeintlich sichere Gebiete, da sie eine neue Eskalation im Konflikt der beiden Erzfeinde erwarten.

Hisbollah unter Zugzwang

Schon am Donnerstag hatte Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah Israel vor weiteren Angriffen gewarnt. Diese würden von Syrien, Iran und seiner Miliz gemeinsam gerächt, drohte der schiitische Geistliche. Nach den Helikopterangriffen wiederholte der Fernsehsender der Miliz Nasrallahs Warnungen. Israel spiele mit dem Feuer und gefährde die Sicherheit im gesamten Nahen Osten.

Trotz solcher Drohungen seien gross angelegte Vergeltungsaktionen der Hisbollah vorerst nicht zu erwarten, meinen Zeitungskommentatoren in Beirut. Die schiitische Miliz habe zwar Tausende von Raketen für einen erneuten Krieg mit Israel gebunkert. Mehr als 10 000 Hisbollah-Kämpfer würden aber gegenwärtig in Syrien an der Seite des Regimes von Präsident Bashar al-Assad gegen die Jihadisten kämpfen. Ein Zwei-Fronten-Krieg würde die Miliz überfordern, schreibt der liberale «As Safir», der aber «limitierte Vergeltungsaktionen» nicht ausschliesst. Schliesslich sei Hisbollah-Chef Nasrallah nach seiner Brandrede der vergangenen Woche unter Zugzwang geraten. Hinzu komme, dass unter den auf dem Golan getöteten Milizionären und Soldaten ein iranischer General sowie ein Sohn von Imad Mughnijeh gewesen sei. Der in Libanon als Volksheld gefeierte Hisbollah-Funktionär war 2008 in Damaskus ermordet worden. Er galt als Drahtzieher zahlreicher Terroranschläge.

Israelische Terrorexperten rechnen übereinstimmend damit, dass es einen Vergeltungsschlag geben wird. Offen bleibe nur wann, wo und wie scharf er ausfallen würde.

Im Gebiet der Nusra-Front

Die getöteten Hisbollah-Kämpfer und die iranischen Soldaten waren nach Angaben aus Beirut auf einer «Aufklärungsmission» auf dem Golan. Nach Erkenntnissen der syrischen Menschenrechtsbeobachter wurden sie nahe der Stadt Kuneitra angegriffen. Das Gebiet wird zu grossen Teilen von der mit Al Qaida liierten Nusra-Front kontrolliert. Die jihadistische Miliz könnte den syrischen Golan als Sprungbrett in den Süden und Osten Libanons nutzen, was die Hisbollah verhindern will. Für Israel scheint die Qaida-nahe Nusra-Front im Moment kein Sicherheitsrisiko darzustellen.

Laut der Nachrichtenseite «ynet» plante der getötete Jihad Mughnijeh, Kommandos auf den Golan zu schleusen, um Attentate gegen israelische Soldaten und Zivilisten zu lancieren.