Neue Realität trotz Patt

In einem politisch gespaltenen und wirtschaftlich instabilen Land liegt die Herausforderung für Politiker oft darin, die Realität über den persönlichen Erfolg oder Misserfolg hinaus zu erkennen. Doch auch wenig verlangt, ist oft zu viel.

Walter Brehm
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In einem politisch gespaltenen und wirtschaftlich instabilen Land liegt die Herausforderung für Politiker oft darin, die Realität über den persönlichen Erfolg oder Misserfolg hinaus zu erkennen. Doch auch wenig verlangt, ist oft zu viel.

Die «Westlerin» Julia Timoschenko und der «Ostler» Viktor Janukowitsch agieren beide ohne klare Mehrheit, reklamieren diese aber unbelehrbar wie vor fünf Jahren für sich.

Damit verpassen sie, den kleinen, aber wichtigen Fortschritt zu würdigen: dass in der früheren Sowjetrepublik Ukraine ohne offene Einmischung Moskaus alles in allem faire und freie Wahlen möglich waren. In Verkennung der Bedeutung einer Wahl, die Machtverhältnisse lediglich für fünf Jahre regelt, verharren beide in der Behauptung, der jeweils andere führe das Land in die Katastrophe.

Was aber ist real? Der von der «Westlerin» Timoschenko angestrebte Nato-Beitritt ist vorerst vom Tisch – keine Katastrophe für ein Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung gegen diesen Schritt ist. Der vom «Ostler» Janukowitsch bekämpfte EU-Beitritt war nie eine Perspektive, welche die Ukraine in den kommenden fünf Jahren hätte realisieren können – die aber für später offenbleibt.

Real ist auch, dass es der Ukraine innen- und aussenpolitisch nicht schadet, ein entspannteres Verhältnis zum russischen Nachbarn zu finden. Verhindert dies künftig Gaskonflikte auf dem Rücken europäischer Konsumenten, wird die EU auch einen Präsidenten Janukowitsch wirtschaftlich nicht ignorieren.

Und real ist auch: Janukowitsch hat knapp gewonnen, weil Timoschenko und die Orange Revolution die von ihnen geweckten Hoffnungen im politischen Gezänk verraten haben.

Im Lager der «Westler» liessen deshalb viele ihr Wahlrecht ruhen, und vier Prozent kreuzten «gegen alle» an. Dies muss dem Wahlsieger Warnung und der Verliererin Ansporn sein. Erkennen sie auch diese Realität nicht, haben beide ihre politische Zukunft hinter sich.

w.brehm@tagblatt.ch

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