Neue Hymne auf erbärmlichem Niveau

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Mario Andreotti
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Unsere Nationalhymne war seit ihrer Einführung 1961 umstritten. Daher gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder Anläufe zu ihrer Überarbeitung. Das ist auch verständlich, geht doch der Text des 1841 von Alberich Zwyssig komponierten Schweizerpsalms nicht nur sprachlich, sondern auch theologisch nicht mehr an, zumal der in diesem Psalm besungene Gott als rein männlicher Nationalgott erscheint, der zudem pantheistische Züge trägt («Seh’ ich dich im Strahlenmeer»). Das entspricht ganz dem Gottesbild einer idealistischen Theologie des 19. Jahrhunderts, in der Gott weithin als «Vorsehung», als «Herrgott» und als «lieber Gott» verbürgerlicht beziehungsweise anthropologisiert wurde. Der Text, 1840 von Leonhard Widmer verfasst, ist zudem derart veraltet, derart sperrig und teilweise gar schwülstig, dass ihn heute kaum mehr jemand versteht, geschweige denn auswendig lernen mag. Das lässt sich an Bundesfeiern oder an Fussball-Länderspielen beobachten, wo die Teilnehmer häufig schweigen oder nur leicht die Lippen bewegen.

Nun hat die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft einen neuen Hymnentext vorgeschlagen. Mit ihm möchte sie «eine landesweite Debatte über die Identität und die zentralen Werte unseres Landes anstossen», wie sie in einer Medienmitteilung schreibt. Die neue Hymne solle einfacher als die alte sein und die Werte der Bundesverfassung spiegeln.

So weit, so gut. Nur stösst dieser neue Hymnentext nicht überall auf eitel Freude. Und das aus gutem Grund. Der kurze Text erweist sich, gelinde gesagt, als Anhäufung von Allerweltsfloskeln, von Gemeinplätzen. Er ist ein Abklatsch aus der Präambel der Bundesverfassung von 1999. Was dort noch angeht, die Verherrlichung von Unabhängigkeit und Frieden, von Freiheit, Offenheit und Solidarität mit der Welt, vor allem mit den Schwachen, wirkt, in Liedgut umgesetzt, fürchterlich abgegriffen, ja platt. Es handelt sich um aufklärerische Werte, die in ihrem universellen Charakter aber für fast jedes Land Gültigkeit haben. Selbst Länder wie Russland und China können sich mit ihnen identifizieren. Da ist nichts, was spezifisch für die Schweiz wäre.

Ähnlich platt, ja inhaltsleer ist die Sprache des Hymnentextes. Wenn der Text mit den Zeilen «Weisses Kreuz auf rotem Grund, unser Zeichen für den Bund» beginnt, so ist das etwa gleich banal, als wenn jemand schriebe «Braune Kuh auf grüner Wiese». Nicht anders der refrainartige Schluss des Textes, der noch banaler, sprachlich noch erbärmlicher ist, wenn es da heisst: «Weisses Kreuz auf rotem Grund, singen alle wie aus einem Mund.»

Von den Gegnern des neuen Hymnentextes wurde der fehlende Bezug zu Gott moniert. Und dies zu Recht. Der Umstand, dass in der Schweiz die Zahl derer, die keiner Religion angehören, zunimmt, berechtigt noch lange nicht, Gott aus unserer Hymne zu verbannen. Es kommt nicht auf Einzelne an, sondern auf die Tradition, in der unser Land seit den Bundesbriefen im 13. und frühen 14. Jahrhundert steht. Und das ist nun einmal die abendländisch-christliche Tradition. Es dürfte kein Zufall sein, dass selbst die Präambel der Bundesverfassung von 1999, auf die sich die Verfechter der neuen Hymne so gerne beziehen, mit der Anrufung Gottes beginnt. Und wenn da gleich in der dritten Zeile von der «Schöpfung» die Rede ist, da setzt das logischerweise voraus, dass es einen Schöpfer gibt. Daher ist nicht einzusehen, warum Gott im neuen Hymnentext fehlt.

Neben allem Religiösen soll im Text offenbar auch alles Nationale ausgemerzt werden. Zeilen wie etwa «Offen für die Welt, in der wir leben, woll’n wir nach Gerechtigkeit streben» sind inhaltlich nicht nur nichtssagend, sondern lassen auch die Absicht erkennen, der politischen und ökonomischen Globalisierung das Wort zu reden. Unsere Landeshymne wird so zu einem «Multikulti»-Gesang degradiert. Keine Frage: Wir brauchen einen neuen Hymnentext, aber einen, der literarische Qualität hat, und nicht einen, der nichts weiter ist als lediglich ein Sammelsurium von Leerformeln und Banalitäten.