Neue Hungersnot droht

Der Ostteil der syrischen Stadt Aleppo wird jetzt von der Armee des Regimes belagert. Mit der Einkesselung von 300 000 Menschen will sie die Kapitulation der Rebellen erzwingen.

Michael Wrase
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LIMASSOL. Der Osten von Aleppo ist seit dem Wochenende «endgültig dicht». «Nichts geht mehr rein oder raus», berichten Aktivisten verzweifelt. In den letzten zehn Tagen hatten syrische Regierungstruppen nur die sogenannte Feuerkontrolle über die letzte Zufahrtsstrasse in den von knapp 300 000 Menschen bewohnten Osten der früheren Handelsmetropole. Soldaten der Armee von Präsident Bashar al-Assad schossen aus knapp anderthalb Kilometern Entfernung auf alle Fahrzeuge, die sich auf die nach dem gleichnamigen Restaurant benannte «Castillo»-Autobahn wagten.

«Hungerblockade» absehbar

Am Sonntagmorgen standen aus den nördlichen Vororten durchgebrochene syrische Panzer erstmals direkt auf der Autobahn. Pionier-Einheiten errichteten Sandsackbarrikaden. Von der libanesischen Hisbollah unterstützte Spezialtruppen der Armee rückten gleichzeitig aus dem unter Regierungskontrolle stehenden Süden und Westen von Aleppo auf die «Castillo»-Autobahn vor. Ost-Aleppo sei damit «zu Hundert Prozent» von der Assad-Armee eingekesselt, berichteten Rebellenführer.

Wie zuvor in Homs oder in den Vororten von Damaskus sollen die Aufständischen durch eine «Hungerblockade» zur Kapitulation gezwungen werden. Unterstützt durch die russische Luftwaffe wird die Armee in den nächsten Tagen und Wochen versuchen, Stück für Stück in die eingekesselten Gebiete vorzudringen und einzelne Stadtviertel voneinander zu trennen. Der ohnehin gewaltige Druck auf die Rebellengebiete, in denen sich auch Kämpfer von Al Qaida verschanzt haben, soll damit noch erhöht werden. Die Leidtragenden sind die Zivilisten. Verglichen mit den Rebellen sind sie schlechter auf die Blockade vorbereitet und werden in den bevorstehenden Kämpfen einen hohen Blutzoll zahlen müssen.

UNO-Mitarbeiter haben eingeräumt, dass sie in Aleppo gescheitert seien. «Unsere humanitären Helfer konnten nicht in die belagerten Gebiete vordringen. Dort fehlt es an allem», sagte der Syrien-Gesandte Jan Egeland. Syrische Hilfsorganisationen schildern die Lage nicht ganz so dramatisch. Mit einer Hungersnot sei erst im Herbst zu rechnen, falls die Blockade solange aufrechterhalten werde. Bereits am Wochenende hatten sich vor den wenigen Bäckereien von Ost-Aleppo bis zu 300 Meter lange Schlangen gebildet. Preise für Grundnahrungsmittel vervierfachten sich innerhalb von 24 Stunden. Obst und Gemüse kommt nicht mehr in die Stadt.

Türkische Pläne gescheitert

Für die Blockade machen die Rebellen neben dem Assad-Regime auch die USA verantwortlich. Aussenminister Kerry habe Aleppo «an die Russen verkauft», behaupten sie. Auch der türkischen Regierung, dem wichtigsten Unterstützer der Aufständischen, wird plötzlich misstraut. Ankara liess vor dem gescheiterten Putsch erkennen, auch mit Syrien wieder «normale Beziehungen» anzustreben. Zuvor hatte sich Präsident Erdogan mit seinem russischen Amtskollegen Putin «versöhnt».

Ziel der Regierung in Ankara war der Sturz der Assad-Regierung. Um Damaskus zu befreien, sollte zunächst das Wirtschaftszentrum Aleppo von islamistischen Rebellen besetzt werden. Der Widerstand der Regierung werde dann zusammenbrechen. Mit der Einkesselung von Ost-Aleppo sind die türkischen Pläne nun wohl endgültig Makulatur.