Nordkorea
Neue «Hightech»-Waffen: Kim droht wieder – zumindest ein wenig

Nordkorea testet laut Staatsmedien neue «Hightech»-Waffen. Offenbar geht Machthaber Kim die Geduld aus. Zu weit will er es aber nicht treiben

Felix Lee aus Peking
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Kim Jong Un.

Kim Jong Un.

KEYSTONE

Noch vor einem Jahr hätte eine solche Meldung in Seoul und Washington für grosse Aufregung gesorgt: Nordkorea testet Hightech-Waffen. Doch die Stimmung ist heute eine ganz andere. Südkoreas Regierung hat einen Frieden mit dem Erzfeind zum zentralen Ziel ihrer Politik erkoren und ist seit Monaten darum bemüht, bestehende Spannungen zwischen den zwei Koreas herunterzukochen.

Und auch US-Vizepräsident Mike Pence ist sichtlich um Beschwichtigung bemüht. Sein Kommentar: «Es gibt keine Nukleartests. Unsere Geiseln kehren heim. Und Nordkorea hat begonnen, unsere gefallenen amerikanischen Helden aus dem Koreakrieg auf unseren Boden zu überführen», sagte er am Rande des ASEAN-Gipfels in Singapur. Das seien doch Fortschritte.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un hingegen scheint der Geduldsfaden zu reissen. Nur so ist zu erklären, warum Nordkorea sich mit einem angeblich neuen Waffentest brüstet. Nach Angaben von Nordkoreas amtlicher Nachrichtenagentur KCNA besuchte Kim am Freitag das Zentrum der Nationalen Verteidigungsakademie, um persönlich den Test einer «neu entwickelten taktischen Waffe» zu beaufsichtigen. Kim habe seine «leidenschaftliche Freude» über den erfolgreichen Test nicht unterdrücken können, heisst es wörtlich. Die neue Waffe stärke die «Kampfkraft unserer Volksarmee».

Allerdings ist unklar, ob ein solcher Test tatsächlich stattgefunden hat. Die nordkoreanische Nachrichtenagentur teilte nicht mit, um welche technische Neuentwicklung es sich genau handelt. Auch hat das südkoreanische Verteidigungsministerium keine Erschütterungen oder gar Abschüsse von Raketen registriert. Sollten die Berichte der nordkoreanischen Propaganda jedoch stimmen, wäre es der erste Waffentest des Regimes seit dem Abschuss einer Interkontinentalrakete im November letzten Jahres.

Seitdem war viel passiert. Erst näherten sich Süd- und Nordkorea an und zelebrierten ihren neuen Zusammenhalt im Februar bei den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang. Dann kam es auch schon zu den ersten Gipfeltreffen – zunächst zwischen Kim und dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In, dann Anfang Juni zwischen Kim und Donald Trump in Singapur – dem ersten Treffen eines amtierenden US-Präsidenten mit einem nordkoreanischen Machthaber.

Trumps Rhetorik hatte sich in dieser gleich mehrfach gewandelt. Vor dem Gipfel in Singapur hatte er Nordkorea noch mit der «völligen Zerstörung» gedroht und Kim als «kleinen Raketenmann» verhöhnt. Unmittelbar nach dem Treffen äusserte sich Trump jedoch regelrecht euphorisch und verkaufte diese Annäherung als seinen persönlichen Erfolg. Zuletzt hatte es unterschiedliche Signale aus Washington gegeben. Ende August liess er eine geplante Reise von Aussenminister Mike Pompeo nach Pjöngjang platzen mit der Begründung, es gebe «keine ausreichenden Fortschritte bei der Denuklearisierung». Zuletzt hatte er sich wieder zuversichtlich gezeigt und ein zweites Gipfeltreffen mit dem nordkoreanischen Machthaber in Aussicht gestellt – dann in den USA.

Kim lässt seine Muskeln spielen

Doch auch aus Pjöngjang kommen unterschiedliche Signale. Nordkorea hat wie versprochen an der Grenze zu Südkorea mit der Abrüstung begonnen. Und auch wirtschaftlich nähern sich beide Koreas an. Zugleich sind die Verhandlungen über Nordkoreas Atomprogramm seit Monaten ins Stocken geraten. Immer wieder haben die USA das Regime gedrängt, eine Liste ihrer Nuklearanlagen vorzulegen – vergeblich. Vergangene Woche haben Experten der Washingtoner Denkfabrik Center for Strategic and Internationals Studies (CSIS) 13 Raketenbasen identifiziert, die belegen, das sie weiter in Betrieb sind. Kim wiederum drängt seit Monaten dazu, die gegen sein Land verhängten Sanktionen zu lockern. Dabei bleibt Trump hart.

Was dennoch auffällt: Das Regime in Pjöngjang lässt die Muskeln zwar wieder spielen, achtet zugleich aber darauf, Trump nicht zu sehr zu verärgern. Anders als bei Waffentests in der Vergangenheit, hat sich die Staatspropaganda am Freitag rhetorisch zurückgehalten. Feindseligkeiten gegen Südkorea oder die USA blieben weiterhin aus. Und auch die Verwendung des Wortes «taktisch» bei der Beschreibung der neuen Waffe deutet darauf hin, dass keine atomaren Sprengkörper oder ballistischen Raketen im Einsatz waren.