Nazi-Goldzug in Polen ruft Schatzsucher auf den Plan

WARSCHAU. Niedrigwasser in den Flüssen hat in Polen Verborgenes freigegeben, wahre Goldgräberstimmung herrscht in der verarmten niederschlesischen Stadt Walbrzych, wo ein verminter Nazi-Goldzug unter der Erde liegen soll.

Paul Flückiger
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WARSCHAU. Niedrigwasser in den Flüssen hat in Polen Verborgenes freigegeben, wahre Goldgräberstimmung herrscht in der verarmten niederschlesischen Stadt Walbrzych, wo ein verminter Nazi-Goldzug unter der Erde liegen soll. In den vergangenen Tagen haben sich dort Hinweise auf eine tief unter der Erde liegende Zugskomposition der Nationalsozialisten verdichtet. «Ich bin zu 99 Prozent sicher, dass dieser Zug existiert», sagt Piotr Zuchowski, Polens oberster Denkmalschützer. Er habe Aufnahmen eines Georadars gesehen. Wer sich mit Waffen und dem Zweiten Weltkrieg auskenne, könne erkennen, dass kein gewöhnlicher Zug unter der Erde liege. Der Zug, der Schatzsucher aus aller Welt elektrisiert, soll laut einem Bericht von Radio Wroclaw an der Bahnstrecke von Wroclaw nach Walbrzych zwischen Kilometer 61 und 65 bis zu 70 Meter tief liegen. Was er enthält, ist unklar. Doch die Legende von mindestens einem Nazi-Goldzug, der Anfang 1945 auf der Flucht vor der Roten Armee aus Breslau vom Erdboden verschwunden sein soll, hat Schatzsucher aus aller Welt auf den Plan gerufen.

Bereits Ansprüche angemeldet

Vor zehn Tagen hatte eine Breslauer Anwaltskanzlei im Namen zweier Schatzsucher bei den Lokalbehörden in Walbrzych zehn Prozent des Fundes gefordert. In der Folge gaben die beiden – ein Pole und ein Deutscher – den Behörden die genauen Koordinaten ihrer Fundstelle bekannt. Laut polnischem Recht gehört der ganze Schatz, falls es sich denn um einen solchen handelt, dem Staat. In der Nacht zum Samstag hat indes der Jüdische Weltkongress darauf hingewiesen, dass es sich dabei um Raubgut der jüdischen Bevölkerung handeln könnte. «Ich hoffe, Polen zieht dies in Betracht», sagte Robert Singer in New York. Auch Russland hat sich als Rechtsnachfolgerin der Sowjetunion bereits für den Schatz interessiert, da es sich dabei um Beutekunst handeln könnte.

Polizei kontrolliert Schaulustige

Denkmalschützer Zuchowski hat inzwischen Nachahmer zur Besonnenheit aufgerufen. «Ich warne noch einmal ausdrücklich davor, diesen Schatz eigenhändig zu suchen», sagte er in Warschau. In dem Zug würden sich bestimmt gefährliche Stoffe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs befinden, höchstwahrscheinlich sei er auch vermint. Das Versteck habe ein direkt Beteiligter auf dem Sterbebett genannt, gab Zuchowski an. Radio Wroclaw berichtet, die Behörden hätten inzwischen die Armee um Hilfe bei der Hebung gebeten. Mit einem Hebeversuch des Zuges sei wohl nicht vor Frühling 2016 zu rechnen, hiess es in Warschau. Vor allem bei Bahnkilometer 65 sind am Wochenende jedoch viele Schatzsucher, darunter auch aus Deutschland, von der Polizei kontrolliert worden. Förster berichten von aufgegrabenen Waldböden, die Bahnpolizei verteilt Bussen für das unerlaubte Überschreiten der Geleise.

Dass sich der Schatz direkt an der Bahnlinie von Wroclaw nach Walbrzych befindet, ist indes kaum anzunehmen. Auf dem Stadtgebiet von Walbrzych gibt es jedoch eine ganze Reihe unterirdischer Stollen und Tunnels. Sie wurden 1943 vom Naziregime angelegt.