NATO-BEITRITT: Klein, aber wichtig

Ein Zwergstaat von grosser strategischer Bedeutung: Erst mit dem Beitritt Montenegros am kommenden Montag steht die gesamte Ostküste der Adria unter Kontrolle der Nato. Zum Ärger Russlands. Doch auch das Land ist darüber tief gespalten.

Rudolf Gruber, Bar/Podgorica
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Auf dem Deck des Patrouillenbootes P33 der Marinebasis in Bar. Die montenegrinischen Marinesoldaten haben eine Nato-Ausbildung hinter sich. (Bild: Rudolf Gruber (Bar, 25. Mai 2017))

Auf dem Deck des Patrouillenbootes P33 der Marinebasis in Bar. Die montenegrinischen Marinesoldaten haben eine Nato-Ausbildung hinter sich. (Bild: Rudolf Gruber (Bar, 25. Mai 2017))

Rudolf Gruber, Bar/Podgorica

Nichts deutet an der Marinebasis im Küstenstädtchen Bar auf grosse Veränderungen hin, von Hektik wegen des bevorstehenden Nato-Beitritts fehlt jede Spur. Montenegros reizvolle Küste ist begehrtes Ziel von Touristen, doch das eher gesichtslose Bar, 14 000 Einwohner, ist eine Ausnahme: Hier hält sich niemand länger auf als nötig, man kommt entweder an oder fährt weg – mit der Fähre von oder nach Italien.

Auch die Stimmung an Bord des Patrouillenbootes P-33 ist entspannt, es ist Wochenende, die Mannschaft hat mit Ausnahme des Wachpersonals dienstfrei. Sergeant Goran Stankovic stellt sich den Gästen als Begleiter vor und lädt in den «Salon», wie der nach Öl und Diesel stinkende Aufenthaltsraum ironisch genannt wird. Einer der Unteroffiziere serviert iranische Datteln und türkischen Kaffee: «Sugarfree», grinst er, mit seinen Sprachkenntnissen kokettierend. Die Marines haben eine Nato-Ausbildung hinter sich inklusive Englischkurs. Nähere Fragen dazu und nach dem täglichen Dienstplan bleiben lächelnd unbeantwortet, der Schiffskommandant ist gerade nicht an Bord.

Die kanonenbestückten Fregatten P-33 und P-34, je 91 Meter lang, sind der ganze Stolz der montenegrinischen Marine – aufgerüstete Erbstücke aus dem untergegangenen Jugoslawien. An diesem Tag ankert nur eine Fregatte im Hafen. «P-34 ist gerade auf Patrouille», sagt Sergeant Stankovic. Daneben ankert das Schulungsschiff «Jadran», was in der Landessprache Adria heisst. Montenegro, ein Berg- und Küstenland mit fruchtbaren Hochebenen, zählt 625 000 Einwohner und hat eine Armee von nicht einmal 2000 Soldaten.

Jährliche Manöver mit anderen Nato-Ländern

Trumpfkarte des Zwergstaates ist seine strategische Lage: Erst mit seinem Beitritt wird die letzte Lücke an der östlichen Adriaküste geschlossen, die fortan vollständig unter Nato-Kontrolle steht. Montenegro, das am kommenden Montag als 29. Mitglied aufgenommen wird, ist nach Slowenien und Kroatien die dritte ex-jugoslawische Teilrepublik, die der Nato angehört. Kommandant Darko Vukovic und seine 350 Marines haben die Aufgabe, den 293 Kilometer langen Küstenabschnitt zu überwachen. Stolz erwähnt Vukovic das eigene Radarsystem und den hohen Ausbildungsgrad seiner Männer. «Wir absolvieren jährliche Manöver mit anderen Nato-Ländern und nehmen an gemeinsamen Seminaren und Computerschulungen teil.»

Montenegro ist erst seit 2006 ein selbstständiger Staat. Der Aufbau einer eigenen Landesverteidigung ist teuer und geht schleppend voran. Die Nato-Mitgliedschaft bewirkt einen Modernisierungsschub, doch wird das Land künftig jährlich mehr als 40 Millionen Euro für Sicherheit und Verteidigung ausgeben müssen. Auch muss eine Menge veraltetes Militärgerät verschrottet und laut Nato-Angaben 416 Tonnen unbrauchbarer Munition vernichtet werden.

Doch bei einem grossen Teil der Bevölkerung stösst der Beitritt auf hasserfüllte Ablehnung. Bis heute werden Ressentiments politisch genutzt, die das Nato-Bombardement während des Kosovo-Kriegs 1999 geweckt hat. Monatelang organisierte die prorussische Opposition Massenproteste gegen den Mann, der das Land in die Nato geführt hat: Milo Djukanovic, seit 1991 mal als Premier, mal als Präsident an der Macht. In der Nacht zum Wahltag am 16. Oktober 2016 spielten sich in Podgorica operettenhafte Putschszenen ab. Es ist ungeklärt, ob eine russisch-serbische Verschwörerclique Djukanovic stürzen oder gar ermorden wollte, wie er selbst behauptet. Oder ob der Machtpolitiker den Umsturz selbst inszeniert hat, um, wie die Opposition argwöhnt, die Nato-Gegner als Landesverräter anzuprangern.

Slaven Radunovic ist Vizepräsident der Demokratischen Front (DF), die die Anti-Nato-Bewegung anführt. Ein Sonderankläger verdächtigt die DF-Vorsitzenden Milan Knezevic und Andrija Mandic als Drahtzieher des Putsches. «Die Justiz steht unter dem Druck von Djukanovic», sagt Radunovic. «Die Nato beschützt Djukanovic und seine Mafia.»

Zwielichtige Geschäfte des PDS-Chefs

Nach der Wahl trat der Premier zurück, zieht aber als Chef der regierenden ­Demokratischen Partei der Sozialisten (PDS) weiterhin die Fäden. Die italienische Justiz wollte ihn vor Jahren wegen Drogenschmuggels anklagen, als «Umschlagplatz» wurde der Marinehafen Bar genannt. Doch Djukanovic schützt die politische Immunität. Hingegen waren seine zwielichtigen Geschäfte und sein autokratischer Regierungsstil für die Nato kein Beitrittshindernis. Sollte die DF die nächste Regierung stellen, «werden wir ein Ausstiegsreferendum ansetzen», verspricht der DF-Vize. Vorwürfe der Regierung, die prorussische Opposition stehe im Sold Moskaus, bestreitet er: «Wir sind überzeugt, dass die Neutralität für Montenegro besser ist als die Nato-Mitgliedschaft.» Während der Vize dies sagt, weilt DF-Anführer Knezevic wieder einmal in Moskau.

Moskau dementiert natürlich die ­Beteiligung an Umsturzplänen, warnte aber Montenegro mehrfach vor dem Nato-Beitritt. «Wir sehen das als Verletzung der Stabilität in der Region und eine Bedrohung für die Sicherheit Russlands», liess Verteidigungsminister Sergej Schoigu verbreiten. Jahrelang hielten sich Gerüchte, Moskau habe den Marinehafen Bar als Stützpunkt an der Adria im Visier. Sollte dies zutreffen, kann es die Nato dem Staatsmafioso Djukanovic danken, dass sie kein russischer Stachel in ihrem Fleisch sticht.