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Interview

Nahost-Expertin: «Der bewaffnete Kampf hat die Kurden zusammengebracht»

Politikwissenschaftlerin Arzu Yilmaz über den Wunsch der Kurden nach Selbstbestimmung und die Hindernisse, die ihnen die internationale Gemeinschaft in den Weg legt.
Susanne Güsten aus Istanbul

Die türkisch-kurdische Politikwissenschafterin Arzu Yilmaz, Jahrgang 1971, leitete bis 2018 den Lehrstuhl für internationale Beziehungen an der Amerikanischen Universität von Kurdistan in der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Sie ist Gastdozentin an der Universität Hamburg.

Frau Yilmaz, was bedeutet die türkische Intervention in Nordsyrien für die Kurden im Nahen Osten?

Arzu Yilmaz: Die Intervention wird zu einem kurdischen Erwachen in allen Teilen von Kurdistan führen, das ja über vier Staaten verteilt ist: die Türkei, Syrien, Irak und Iran. Die Türkei positioniert sich mit dem Einmarsch in den Augen der Kurden und der internationalen Gemeinschaft als Feind aller Kurden. Durch die Intervention könnten bald schon die meisten Kurden der Region in türkisch beherrschten Gebieten leben. Paradoxerweise führt die zwanghafte Politik der Türkei die Kurden also zusammen.

Wofür kämpfen die Kurden?

Der Kampf der Kurden war früher ein Kampf für Menschenrechte in den Staaten, in denen sie leben. Heute kämpfen die Kurden nicht mehr nur um Grundrechte und Gleichheit, heute kämpfen sie um die Macht. Sie wollen in ihrer Heimat am politischen Entscheidungsprozess teilhaben. Aus dem Kampf für Menschenrechte ist ein Kampf um die Macht im von ihnen als zusammengehörig wahrgenommenen Kurdistan geworden. In der Region leben geschätzte 30 Millionen Kurden.

Wie hat sich die Situation der Kurden über die vergangenen Jahre verändert?

Früher war die Kurdenfrage eine innenpolitische Frage. Seit hundert Jahren sind die Kurden auf verschiedene Staaten aufgeteilt und gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch voneinander getrennt. Das hat sich geändert. Durch den Zusammenbruch des Irak in den 1990er-Jahren, die Errichtung der kurdischen Autonomiezone in Nordirak und die Syrien-Krise sind die Kurden immer mehr in Kontakt miteinander gekommen – durch Migration, Handel, bewaffneten Kampf und soziale Medien. Diese Interaktionen haben den Kurden eine völlig neue Perspektive auf sich selber gegeben.

Ein kurdischer Junge demonstriert mit einer Fahne des Kurdenführers Abdullah Öcalan für mehr Selbstbestimmung. (Bild: Imago Images)

Ein kurdischer Junge demonstriert mit einer Fahne des Kurdenführers Abdullah Öcalan für mehr Selbstbestimmung. (Bild: Imago Images)

Die schwierige Lage in der Region hat die Kurden also eher gestärkt?

Früher hatten die Kurdenbewegungen in den verschiedenen Staaten nicht viel miteinander zu tun. Geändert hat sich das zunächst durch den Kampf der in der Türkei aktiven Arbeiterpartei PKK und dann der nordirakischen Peschmerga, vor allem aber durch den gemeinsamen Kampf gegen den «Islamischen Staat». Der bewaffnete Kampf hat die junge Generation der Kurden zusammengebracht. Vorher wusste man als türkischer Kurde wohl, dass es Kurden in Iran gibt, aber nur wenige hatten je einen gesehen oder gar berührt. Heute kämpfen sie Schulter an Schulter. Das hat der Kurdenfrage eine neue Dimension verliehen.

Dabei gibt es doch auch grosse Unterschiede zwischen den Kurden, bis hin zur Sprache?

Bei meinen Feldstudien in Irakisch-Kurdistan in den letzten zehn Jahren habe ich beobachtet, dass die Differenzen durch die sozialen Medien zunehmend überwunden werden. Die Leute stellen fest, dass sie als Kurmanci-Sprecher einen Sorani sprechenden Kurden einigermassen verstehen können und umgekehrt. Und am Ende haben sie ja alle gemeinsame Erfahrungen: die Diskriminierung und den Krieg. Es gibt ein berühmtes kurdisches Sprichwort: «Die einzigen Freunde der Kurden sind die Berge.» Das ist mehr als ein romantischer Spruch. Es drückt wirklich aus, was die Kurden fühlen.

Welche Erfolge haben die Kurden bislang erzielt?

Zum Beispiel die Entstehung der kurdischen Autonomiezone im Irak, wo Kurden erstmals ihre eigenen Entscheidungen treffen und über ihre eigenen Ressourcen verfügen konnten. Vertieft worden ist dieser Prozess mit der sogenannten Rojava-Revolution im Norden Syriens. Natürlich gab es auch immer wieder Rückschläge. Die Frustration über den gescheiterten Friedensprozess in der Türkei war enorm. Jahrelang haben die Kurden in der Türkei – übrigens auch unter dem Einfluss der EU – die Kurdenfrage als Teil des türkischen Demokratisierungsprozesses betrachtet. Inzwischen sind sie einfach nur noch frustriert davon.

Was verhindert den weiteren Fortschritt aus Sicht der Kurden?

Vor allem das hartnäckige Beharren der internationalen Gemeinschaft auf dem Status Quo im Nahen Osten. Die Welt will nicht mehr in diese Region investieren, weder wirtschaftlich noch politisch, weil die westlichen Staaten zu beschäftigt sind mit ihrer eigenen Agenda. Der Westen hat immer Demokratie in der Welt propagiert, aber jetzt interessiert es ihn nicht mehr. Die internationale Gemeinschaft will den Status Quo hier erhalten, weil sie das am wenigsten kostet.

Wäre es erfolgsversprechender, wenn die Kurden wie früher innerhalb der bestehenden Staatsgrenzen für ihre Rechte kämpften?

Das ist vorbei. Die Eindämmung der Kurdenfrage in die nationalen Grenzen der verschiedenen Staaten wird als Lösungsperspektive nicht mehr funktionieren, weil sie der neuen Dimension der Kurdenfrage nicht gerecht wird.

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