NAHOST: Aus Furcht vereint

Aus Angst vor dem gemeinsamen Feind Iran wollen Saudi-Arabien und Israel Frieden schliessen. Der Weg dorthin birgt aber noch gewaltige Hürden.

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Dass Saudi-Arabien und Israel an einem Strang ziehen, ist längst kein Geheimnis mehr. «Wir geben den Saudis, was sie brauchen. Dabei müssen wir aber durch die Hintertür kommen und gehen», hatte ein hoher israelischer Geheimdienstoffizier vor fünf Monaten die Beziehungen zwischen Riad und Jerusalem beschrieben. Am Montag wurde diese «Hintertür» nun offiziell geschlossen. Mit bemerkenswerter Offenheit erklärte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman in einem Gespräch mit dem US-Magazin «The Atlantic», dass er fortan ganz normale diplomatische Beziehungen mit Israel anstrebe.

Auch Israel habe das Recht auf ein eigenes Land, betonte der 32-Jährige. Der jüdische Staat sei eine grosse und wachsende Wirtschaftsmacht, mit der man einmal viele Interessen teilen könne. So deutlich hatte dies noch kein Saudi zuvor gesagt. Um die Stabilität in der Region zu gewährleisten und normale Beziehungen zu entwickeln, fügte der Königssohn einschränkend hinzu, bedürfe es aber eines Friedensabkommens zwischen Israeli und Palästinensern, welches in absehbarer Zeit bekanntlich nicht in Sicht ist.

Freundschaft vor 10 Jahren unvorstellbar

Den Kurs der gegenseitigen Annäherung wollen Riad und Jerusalem dennoch fortsetzen. Schliesslich geht es um weit mehr als «nur» den Frieden im Heiligen Land. Der gemeinsame Feind, der Iran, muss in Schach gehalten werden. Angesichts des Vormachtstrebens der Islamischen Republik im gesamten Nahen Osten hatten Saudi-Arabien und Israel bereits vor einem Jahr eine «strategische Kooperation» vereinbart.

Man sei bereit, «viele Interessen» miteinander zu teilen, hatte der israelische Generalstabschef Gadi Eizenkot schon im November letzten Jahres in einem Interview mit dem sau­dischen Nachrichtenportal Elaph erklärt. Nur so könne verhindert werden, dass der Iran die «Kontrolle vom Persischen Golf bis zum Roten Meer» übernehme. Mit einer «Politik der Beschwichtigung» könne Revolutionsführer Ali Chamenei, den Mohammed bin Salman in einem CBS-Interview sogar mit Hitler verglich, nicht gestoppt werden.

Dass Saudi-Arabien und Israel einmal Partner oder gar Freunde werden würden, wäre noch vor zehn Jahren unvorstellbar gewesen. Nüchtern betrachtet sind sich beide Staaten auch heute noch total fremd. Erst vor einem halben Jahr hatte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nach der Durchsicht von 45 Schulbüchern darauf hingewiesen, dass saudische Schüler noch immer zum Hass gegen Juden und Christen erzogen, eine nach den Anschlägen des 11. Septembers angekündigte Bildungsreform noch immer nicht umgesetzt worden sei. Selbst Erstklässlern würde beigebracht, Angehörige anderer Religionen zu hassen, und Gymnasiasten vermittelt, «dass der Tag der Auferstehung nicht anbrechen werde, bevor die Muslime nicht alle Juden getötet hätten».

Dass Israel diese Hasstiraden ignoriert oder, für den Moment zumindest, darüber hinwegsieht, ist erstaunlich. Ganz offensichtlich ist die Furcht vor dem Iran grösser als die nach wie vor bestehenden ideologischen und religiösen Differenzen mit Saudi-Arabien, welche normalen Beziehungen vermutlich noch lange im Wege stehen dürften.

Als Mohammed bin Salman im Interview mit «The Atlantic» auf den Wahabismus, die rigide, menschenverachtende Staats­religion in Saudi-Arabien, angesprochen wurde, reagierte er ausweichend, vermied ein klares Bekenntnis. Allerdings werde es sein Land künftig unterlassen, den Wahabismus zu exportieren, deutete der saudische Thronfolger an. Das habe man in der Vergangenheit getan, um den «Vormarsch der Sowjetunion in muslimische Länder wie Afghanistan zu stoppen».

Michael Wrase, Limassol