Nachtwache am Platz der Republik

Tausende von Jugendlichen protestieren in Paris jede Nacht gegen ein umstrittenes Arbeitsgesetz. Die Sponti-Aktion greift immer mehr um sich – sowohl thematisch wie geographisch.

Stefan Brändle
Drucken
Teilen

PARIS. Es ist kalt in Paris, und Regenschauer ziehen über die Place de la République. Immer wieder drehen sie das Kartonschild, das die Studentin Roda an einem Besenstiel im Rucksack trägt. Zu lesen ist gerade: «Unsere Demokratie ist eine Illusion.» Harte Worte für eine junge Frau, die sich feine Katzenschnurrhaare auf die Wangen gemalt hat. Sie bleibt dabei: «Unsere Demokratie ist nicht mehr repräsentativ. Die Lobbyisten, die Wirtschaft, die Banken führen die Parteien an der Leine. Und wenn wir Bürger dagegen protestieren wollen, indem wir eine leere Stimme einlegen, wird sie für ungültig erklärt.» Und nach einer neuen Windböe: «Also protestieren wir auf der Strasse.» Nun wendet eine Böe Rodas Schild, auf dem nun in Anlehnung an Frankreichs Nationalparole zu lesen ist: «Freiheit provisorisch, Gleichheit lachhaft, Brüderlichkeit willkürlich.»

Kein Leitmotiv, kein Anführer

Fast jeder Besucher auf dem Platz hat seinen persönlichen Slogan. Die Bewegung selbst hat kein Leitmotiv, auch kein Programm und keinen Führer. Entstanden ist sie aus dem Widerstand von Schülern, Studenten und Gewerkschaftern gegen das so genannte El-Khomri-Gesetz, das den französischen Arbeitsmarkt liberalisieren und das Kündigungsrecht lockern will.

Am Abend des 31. März, nach einem neuen Protesttag, zeigte der Filmemacher François Ruffin auf dem Platz der Republik seinen satirischen Film «Merci Patron». Die Zuschauer applaudierten, blieben, diskutierten – bis am nächsten Morgen. Am Abend kamen sie wieder, für eine neue «Nuit debout», eine Art Nachtwache. Immer mehr kamen, bis an diesem Samstag, dem 40. März, wie sie zählen.

Romain, ein Geologe, der seit seiner Doktorarbeit Ende 2015 arbeitslos ist, kommt täglich vorbei. Und ereifert sich täglich über das Argument der Arbeitsministerin Myriam El Khomri, dass Unternehmen in guten Zeiten leichter neue Beschäftigte einstellten, wenn es ihnen in Krisenzeiten kündigen könne. «Warum sollte das so sein?», fragt Romain. Freundin Mathilde erzählt, die soziale Misere wachse gerade auch in der Landwirtschaft, wo sie als Biochemikerin arbeitet. An der Place de la République ist sie, um mitzuhelfen, Flüchtlinge vor dem Zugriff der Polizei zu schützen.

Schon in 60 Städten

Trotz des miesen Wetters an diesem Samstagabend, trotz der vielen Kerzen, die auf dem Platz noch von den Terroranschlägen des letzten Jahres zeugen, herrscht Jahrmarktstimmung. Rap- gegen Technomusik, Mergez- gegen Hanfgerüche – und dazwischen Debattierkreise, in denen das Megaphon die Runde macht. Ein älterer Mann erzählt von den Erfahrungen anderer Bewegungen wie Podemos in Spanien oder Occupy in New York; am meisten Applaus erntet er indes, als er «den Geist von 1789» – dem Jahr der französischen Revolution – beschwört.

In Frankreich brauchte es anscheinend einen Anlass wie die Arbeitsmarktreform, um die Jugend zu mobilisieren. Doch jetzt scheint es soweit: Schon in 60 Städten werden «Nachtwachen» abgehalten. Auf der Place de la République spürt man das Bedürfnis der Anwesenden, neue Wegen zu gehen, unbekannte Spuren zu erforschen. Im grossen Forum schimpft Tanja, es sei doch nicht normal, dass sie an ihrem Arbeitsplatz Lippenstift tragen müsse. Luca schlägt vor, dass der nächste Demonstrationszug – am Samstag waren es in Paris mindestens 20 000 Teilnehmer – den symbolischen Schritt über die Pariser Ringautobahn hinaus mache und in der Banlieue ende. Das soll auch die Einwanderer anziehen, nicht nur die Pariser «Bobos», wie Jamel kritisiert. Szenenapplaus erntet er, als er ins Mikro ruft: «Ich habe die Nase voll von den politischen Parteien!»

Aus dem Vollen schöpfen

Angesprochen sind auch die Linksparteien. Jean-Luc Mélenchon von der Parti de Gauche besuchte den Platz diskret und muss sich seither gegen Vereinnahmungsvorwürfe verteidigen. Noch härter ins Gericht gehen die «Nachtwächter» mit den regierenden Sozialisten von Präsident François Hollande und Premier Manuel Valls.

Um 23 Uhr kommt Bewegung in die Masse, etwa 3000 Jugendliche rennen zum Ostteil des Platzes. Über die Handys ist ein «Apéro» vor Valls' naher Wohnung angekündigt worden. Doch die Behörden sind schon präsent: Ein Kordon von Bereitschaftspolizisten sperrt die Boulevards Richtung Osten ab. Langsam beruhigt sich die Lage wieder – anders als am Nachmittag, als es in mehreren Städten Ausschreitungen gab.

Noch sucht «Nuit debout» eine Richtung, noch ist vieles möglich. Sicher ist nur: Die sozialen Spannungen in Frankreich sind so hoch, die Regierung so unbeliebt, dass jede Protestbewegung derzeit aus dem Vollen schöpfen kann.

Aktuelle Nachrichten