«Nacht für Nacht Feuerpilze»

Mit willkürlichen Bombenangriffen soll nach dem Willen des syrischen Regimes die Region im Nordosten von Aleppo entvölkert werden. Eine Reportage aus der Gegend um die Stadt Azaz.

Michael Wrase
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Familienangehörige verloren: Waddad in Trümmern von Azaz. (Bild: Michael Wrase)

Familienangehörige verloren: Waddad in Trümmern von Azaz. (Bild: Michael Wrase)

Auch zwei Wochen nach dem Abwurf einer 1000 Kilo schweren Sprengbombe auf die Stadt Azaz steht Waddad das Entsetzen noch ins Gesicht geschrieben. «Meine Mutter stand mit ihren Schwestern in der Küche, als Assads feige Piloten hier den Tod säten», flüstert der junge Mann, der zum Zeitpunkt des Angriffs einige Häuserblocks weiter für ofenfrisches Fladenbrot angestanden hatte. «Die lange Schlange vor der Bäckerei hat mir das Leben gerettet.»

«Auf uns allein gestellt»

64 Menschen, alle Zivilisten, kamen bei dem Terrorangriff ums Leben. Azaz ist seither eine in Trümmern liegende Geisterstadt, durchzogen vom Gestank der Verwesung. Die meisten der 70 000 Einwohner sind in die nahe Türkei oder zu Verwandten in vermeintlich sicheren Gebieten geflohen. «Das war Assads Ziel», sagt Souhail, der lokale Kommandant der «Freien Syrischen Armee» (FSA). Die Verbrecher in Damaskus hätten damit begonnen, mit willkürlichen Angriffen die Region nördlich von Aleppo gezielt zu entvölkern. «Ohne die Unterstützung der Menschen sind wir auf uns allein gestellt, müssen alles selber machen.» Es fehlten jetzt die Automechaniker, Elektriker, Bäcker sowie «viele liebe Frauen und Männer, die unsere Kämpfer betreuten, ihnen in schlimmen Zeiten ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit gaben».

Wir sind auf dem Weg ins benachbarte Mare, als Zaki, unser Fahrer, plötzlich auf die Bremse tritt. «Raus, raus, schnell!», ruft der FSA-Kämpfer und zeigt zum Himmel. Wir rennen in einen Olivenhain. Zunächst hören wir nur das Dröhnen der Motoren einer MIG-21. Das Kampfflugzeug selbst scheint unsichtbar zu sein. 20 Sekunden später jagt die Maschine im Tiefflug über Mare. Der Lärm ist auch aus drei Kilometern Entfernung ohrenbetäubend. Viermal rast die Maschine über den Ort, ehe der Pilot zwei Bomben ausklinkt und zum Himmel aufsteigt. Das Maschinengewehrfeuer, das wir hören, blieb offenkundig wirkungslos. Fünf Minuten später werden die Einwohner von Mare erneut terrorisiert.

«Warum lasst ihr das zu?»

Zaki beschliesst, nach Azaz zurückzufahren. Assads Piloten hätten die widerwärtige Angewohnheit, während der Bergung von Toten und Verletzten zu den Angriffszielen zurückzukehren. Das sei in Azaz nicht anders gewesen. Als dort die Opfer geborgen wurden, bombardierten Assad Kampfflugzeuge ein Spital in der Nähe, erzählt Abu Mahmoud, der Totengräber der Ortschaft. Der alte Mann ist in Azaz geblieben. «Ich werde hier gebraucht», sagt er und zeigt auf eine Reihe neuer Gräber, die mit Steinplatten abgedeckt wurden. Fast jeden Tag brächten die Kämpfer der FSA neue Märtyrer aus dem nahen Aleppo. Vielen von ihnen seien noch nicht einmal zwanzig. «Sie sterben, damit wir es einmal besser haben», hofft Abu Mahmoud. Dabei wischt er sich eine Träne aus den zusammengekniffenen Augen. Täglich, fügt er mit leiser Stimme hinzu, bete er für den Sieg der Rebellen und für die «Bestrafung der Assad-Clique».

Nach einer langen Pause legt der Totengräber seine Hand auf meine Schulter und fragt: «Warum lasst ihr im Westen diese Massaker zu? Warum dürfen wir nicht in Frieden leben?» Ratlos und beschämt verabschieden wir uns.

An der Grenze blockiert

Schon an der nächsten Strassenecke werden wir das Gleiche gefragt. Die 64jährige Houda hat im März ihren Mann verloren. Abu Mustafa, erzählt sie, habe während der Befreiung die FSA unterstützt, den Kämpfern mit seinem Pritschenwagen Benzin gebracht. Assads Helikopter hätten ihn beschossen. «Mein Mann ist bei lebendigem Leib verbrannt», schreit die Frau und bricht schluchzend zusammen.

Nach einem Augenschein in den Trümmern des Spitals verlassen wir Azaz und fahren zum syrischen Grenzposten von Bab al-Salam. Vor dem «Tor des Friedens» warten in drei riesigen Hallen der Zollbehörde mehr als 1000 Syrer auf die Ausreise in die Türkei. Yasser und Suleiman Hassan sitzen mit ihren 15 Kindern schon seit sechs Tagen in den verdreckten Hallen. Das Brüderpaar kommt aus Mare, das schon seit zwei Wochen von der syrischen Luftwaffe bombardiert werde.

Mit weitaufgerissenen Augen beschreibt Yasser die Terrorangriffe. Nacht für Nacht seien dunkelrote Feuerpilze aufgestiegen. Im Morgengrauen hätten dann Helikopter die Ortschaft beschossen. Diese starten von einem Flughafen, der nur 25 Kilometer von der Grenze entfernt liegt. Die FSA habe versucht, ihn zu erobern. Assads Luftwaffe hätte darauf mit Racheangriffen geantwortet und der FSA damit signalisiert, dass jeder weitere Versuch neue Attacken zur Folge haben werde.

Den Widerstand gebrochen

«Wir mussten unser Haus in Mare verlassen», sagt Yasser, der inzwischen unsicher ist, ob er überhaupt noch in die Türkei ausreisen darf. Offiziere der FSA beruhigen ihn. Nur einige «bürokratische Hindernisse» müssten noch überwunden werden, dann werde die Grenze wieder geöffnet. Anzeichen dafür gab es am Dienstag nicht. Die Bereitstellung riesiger Wassertanks und gerade mal eines Toilettenwagens deuteten vielmehr daraufhin, dass sich die von Assads Luftwaffe vertriebenen Syrer auf einen längeren Aufenthalt einrichten müssen.

«Für uns wäre das die Hölle», sagt Yasser. Drei seiner Kinder sind erkrankt. Apathisch liegen sie auf einer Bastmatte und weinen leise. Ein Freund der Familie bringt eine angebrochene Flasche Hustensirup vorbei. Ein Arzt würde morgen vielleicht vorbeikommen. Am «Tor des Friedens» ist es inzwischen dunkel. Nach der Hitze des Tages weht nun ein kühler Wind durch die Lagerhallen. Die Flüchtlinge hüllen sich in mitgebrachte Decken und hören die Nachrichten des syrischen Staatsradios. Es berichtet von Angriffen auf «Terroristen» in Mare. Die Flüchtlinge schütteln über den Lügen des Regimes den Kopf. Der Wille zum Widerstand wurde den meisten von ihnen gebrochen.

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