Nach dem Corona-Virus-Ausbruch mischt sich in China nun Frust in die Angst

Nach dem ersten Schock in der Bevölkerung ist zur Angst vor dem Corona-Virus auch Frust hinzugekommen – Frust über ausbleibende Kundschaft für Geschäfte, anhaltende Bewegungseinschränkung und fehlende Informationen der Behörden.

Fabian Kretschmer aus Peking
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Nach der Angst kommt in China auch der Frust wegen des Virus.

Nach der Angst kommt in China auch der Frust wegen des Virus.

Keystone

Am Dienstag meldete sich Chinas Staatspräsident Xi Jinping mit einer apokalyptischem Metapher über das Staatsfernsehen zu Wort: «Das Virus ist ein Teufel», wird der Parteisekretär vom Sender CCTV zitiert. Man werde jedoch diesen Kampf gegen das Böse gewinnen, heisst es weiter.

Bis zu diesem Sieg wird die chinesische Bevölkerung jedoch weitere Opfer bringen: Erneut ist die Anzahl der Opfer, Infizierten und Verdachtsfälle deutlich angestiegen. Mindestens 106 Menschen sind bereits durch das Corona-Virus umgekommen, rund 5000 haben sich angesteckt. Zu den bereits drastischen Gegenmassnahmen sind weitere hinzugekommen: Peking fordert nun sämtliche Neuankömmlinge in der Stadt, die zuvor andere Teile Chinas besucht hatten, zur 14-tägigen Quarantäne in den eigenen vier Wänden auf.

Hongkong hat die Schnellzüge nach Festlandchina eingestellt und den Flugverkehr halbiert. Im bisher grössten Anflug von Selbstkritik ist der Bürgermeister Wuhans, dem Epizentrum des Virus, nun vor die Medien getreten. Das Krisenmanagement sei «nicht gut genug» gewesen, sagte Zhou Xianwang. Er werde die Verantwortung dafür übernehmen, sagte der Bürgermeister. Und rechtfertigte sich gegen den schwersten Vorwurf der Bevölkerung: Zhou Xianwang erklärte, er habe die Öffentlichkeit erst Wochen nach dem ersten Virus-Fall wegen der «Regelungen der Regierung» unterrichtet.

Jene Botschaft unterstreicht die ultrahierarchische Führungsstruktur Chinas. Der amtierende Präsident Xi Jinping steht vor der vielleicht grössten Herausforderung seiner Amtszeit. Denn der 66-Jährige hat wie kein zweiter Herrscher seit Mao den Führerkult um sich ausgebaut, die Macht innerhalb der Partei zentriert und mehrere hundert, teils alteingesessene Parteikader während seiner Anti-Korruptions-Kampagne geschasst.

Jeder Erfolg sowie jede Niederlage in einem solch hierarchischem System wird auf die Person an der Spitze zurückgeführt. Gleichzeitig haben die Unterlinge in einem solchem System zunehmend Angst, schlechte Nachrichten nach oben zu melden.

Für die Bevölkerung ist der Jetzt-Zustand eine Ausnahmesituation, die sich im Vergleich zur Sars-Epidemie noch radikaler ausnimmt. Nach dem ersten Schock in der Bevölkerung ist zur Angst vor dem Corona-Virus auch Frust hinzugekommen – Frust über ausbleibende Kundschaft für Geschäfte, anhaltende Bewegungseinschränkung und fehlende Informationen der Behörden.

Es ist auch ein Frust, der sich schon bald gegen die politische Führung richtet. Niemand wird sich der Gefahr bewusster sein als Präsident Xi selbst. Der auf Stabilität pochende starke Führer Chinas könnte sich diesmal jedoch verspekuliert haben.

Im Gegensatz zu den Aufständen in Hongkong oder dem Erdrutschsieg der Peking-kritischen Präsidentin Tsai Ing Wen in Taiwan kann Xi Jinping diesmal nicht «die CIA» oder «ausländische Kräfte» für die hausgemachte Krise verantwortlich machen. Und bei all der geforderten Transparenz, die die Staatsführung im Umgang mit der Bekämpfung des Virus fordert, bleibt kein Zweifel, dass die Partei die Grenzen der Transparenz selbst bestimmt.

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