Mutmassliches Massaker des «Islamischen Staats» an Jesiden

ARBIL. Die Terrormiliz Islamischer Staat hat in Nordirak mutmasslich ein weiteres Massaker verübt. Laut Berichten der jesidischen Fortschrittspartei wurden am vergangenen Freitag in der Stadt Tal Afar mehr als 300 Angehörige der kurdisch-jesidischen Minderheit bestialisch ermordet.

Michael Wrase
Drucken
Teilen

ARBIL. Die Terrormiliz Islamischer Staat hat in Nordirak mutmasslich ein weiteres Massaker verübt. Laut Berichten der jesidischen Fortschrittspartei wurden am vergangenen Freitag in der Stadt Tal Afar mehr als 300 Angehörige der kurdisch-jesidischen Minderheit bestialisch ermordet. Bei den Opfern soll es sich vor allem um junge Männer handeln, die im letzten Jahr von der Terrormiliz im Sindjar-Gebirge an der irakisch-syrischen Grenze als Geiseln genommen worden waren. Mehr als 3000 Jesiden waren damals in die Hände des «Islamischen Staats» geraten. Die Frauen unter ihnen wurden auf Sklavenmärkten an Kämpfer der Terrormiliz verkauft. Entkommene Jesidinnen hatten der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch von systematischen Vergewaltigungen, Misshandlungen, Zwangsehen und Zwangsübertritten zum Islam berichtet.

Druck der Peschmerga

Das von unabhängigen Quellen noch nicht bestätigte Massaker in Nordirak war möglicherweise nur der Auftakt zu weiteren Massenhinrichtungen. Gegenüber dem Korrespondenten der Wiener Tageszeitung «Die Presse» äusserte Jesiden-Kommandant Adnan Shesho die Befürchtung, dass in den «nächsten Stunden und Tagen bis zu 1700 jesidische sowie christlich-assyrische Männer und Knaben vom <Islamischen Staat> nach Tal Afar gebracht werden könnten, um dort ermordet zu werden». Zudem plane der «Islamische Staat» die Verschleppung Hunderter jesidischer und christlicher Frauen nach Syrien, wo ihre Befreiung nahezu unmöglich sei.

Als Grund für die angeblich geplanten Massaker wurde militärischer Druck irakisch-kurdischer und syrischer Peschmerga-Kämpfer genannt. «Die Terroristen verlieren immer mehr an Boden. Auf ihrem Rückzug wollen sie keine Überlebenden zurücklassen», sagte Shesho, der die internationale Staatengemeinschaft zur Rettung seiner Landsleute aufforderte. Ausser Luftangriffen auf Stellungen der Terroristen sind gegenwärtig aber keine Aktionen absehbar.

Massengräber gefunden

Bereits im Dezember vergangenen Jahres waren im nordirakischen Sindjar-Gebirge mehrere Massengräber mit den sterblichen Überresten ermordeter Jesiden gefunden worden. Die Jesiden sind Angehörige einer Kurdisch sprechenden, nichtmoslemischen Minderheit, deren Religion teils auf dem altiranischen Zoroastrismus beruht. Für den «Islamischen Staat» sind die Jesiden «Teufelsanbeter», weil sie den «Engel Pfau», der von Gott als einer von sieben Engeln erschaffen wurde, als zentrale Figur ihres Glaubens verehren. Als vom «wahren Glauben Abgefallene» müssten sie daher getötet werden.

Aktuelle Nachrichten