München: «Hauptstadt der Verdrängung»

Nach Jahrzehnten des Zögerns arbeitet die bayrische Hauptstadt München endlich ihre nationalsozialistische Geschichte auf. An der Stelle des ehemaligen «Braunen Hauses» steht nun ein Dokumentationszentrum.

Roland Mischke
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Das neue NS-Dokumentationszentrum in München. (Bild: Jens Weber)

Das neue NS-Dokumentationszentrum in München. (Bild: Jens Weber)

Als Hitler 1933 an die Macht gelangt war, bekannte sich der bayrische Innenminister Karl Stützel als Gegner. Er wurde nicht nur aus dem Amt gejagt, sondern von fanatisierten Hitler-Anhängern verschleppt. Und landete im Palais Barlow, einst Nobelvilla einer Industriellenfamilie, von der NSDAP gekauft und dann zur Parteizentrale erhoben. Der Volksmund nannte es «Braunes Haus». In dessen Keller schlugen mehrere Männer wie besessen auf ihn ein, an seinen Verletzungen wäre er fast gestorben.

Das «Parteiheim», wie Hitler das Gebäude titulierte, wurde gegen Kriegsende zerstört, die Ruine 1951 abgerissen. Über Jahrzehnte hinweg blieb das Grundstück unbebaut.

Ein «Lern- und Erinnerungsort»

Am Donnerstag nun ist dort das NS-Dokumentationszentrum München eröffnet worden, genau siebzig Jahre nach der Eroberung der bayrischen Hauptstadt durch US-Soldaten. Ein 28,5 Millionen Euro teurer, weisser Sichtbetonwürfel von 25 Meter Aussenlängen und 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche.

Es soll kein Museum sein, sondern ein «Lern- und Erinnerungsort». In beiden Untergeschossen gibt es eine Lernetage mit Touchscreens, die «Bibliothek der verbrannten Bücher» und einen Veranstaltungssaal. Pro Jahr werden bis 400 000 Besucher erwartet. München und das Erbe der Hitlerzeit: das ist eine ganz eigene Geschichte. Nach der Revolution 1918/19 ging die Stadt einen Sonderweg. Linke Kräfte machten sie 1919 zur Räterepublik, rechte Kräfte gingen zur Gegenrevolution über. Das war die Brutstätte für den Demagogen Adolf Hitler, dessen Aufstieg im Herbst 1919 begann. Erst in den vollen Bierhallen, später auch in grossbürgerlichen Salons, wo er gern gesehen war und gefördert wurde. 1926 bezeichnete Thomas Mann München als den «Sitz aller Verstocktheit».

Nach dem Krieg forderten Historiker und Bürgerinitiativen lange vergeblich einen Ort der Erinnerung an die städtische NS-Geschichte. Neben der Geschichte der Bewegung, von der alles ausging, was zum Kriegswahnsinn führte, gehört auch das Schicksal der Münchner Juden dazu, das November-Pogrom 1938, Deportationen in Vernichtungslager ab 1941. Dazu der Völkermord an Sinti und Roma, die Verfolgung von Homosexuellen und Deserteuren.

Der Marsch der Zwangsarbeiter

In der Ausstellung sind Fotos vom täglichen Marsch der 120 000 Zwangsarbeiter, die für BMW und Krauss-Maffei schuften mussten, durch die Stadt dokumentiert. Nach dem Krieg erklärten viele, nichts gewusst zu haben. München wurde zur «Hauptstadt der Verdrängung».

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