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Mr. «Ooordeeer!» ist in der Schweiz

Parlamentssprecher John Bercow ist der Tätschmeister der britischen Demokratie. Am Donnerstag kam er in die Schweiz, wegen des «wahren Königs».
Samuel Schumacher
John Bercow ist seit 2009 «Speaker of the House». (Bild: AP/Keystone)

John Bercow ist seit 2009 «Speaker of the House». (Bild: AP/Keystone)

Auf den Tag genau 73 Jahre ist es her, seit Winston Churchill in einem rammelvollen Vortragssaal der Uni Zürich tief Luft holte und der Jugend inmitten des noch immer kriegsverwirrten Europa den historischen Satz entgegenrief: «Let Europe arise!» («Lasst Europa auferstehen!»).

Churchill ist längst verstorben und Europa – nun ja – auferstanden. Trotzdem war die «Churchill Aula» am Donnerstagabend erneut rammelvoll – und wieder sprach ein berühmter Brite zur versammelten Schar: John Bercow, seit zehn Jahren Sprecher des britischen Unterhauses.

Der 56-jährige parteilose Politiker ist so etwas wie der Tätschmeister der britischen Demokratie. Mit farbiger Krawatte, grauer Strubelfrisur und seinen berühmt gewordenen «Ooooordeeeeer!»-Ausrufen, mit denen er seine Kollegen regelmässig zu mehr Anstand anhält, hat er den Parlamentsbetrieb in der Westminster Hall selbst während der brenzligsten Brexit-Debatten am Laufen gehalten und sich dabei mehrfach fast die Stimme aus dem Leib gebrüllt.

Das Amt des «Speakers of the House», vergleichbar mit jenem der Nationalratspräsidentin, gibt es seit 1377. Einst bestand es primär darin, die Parlamentsbeschlüsse dem König mitzuteilen. Ein gefährlicher Job: Nicht weniger als sieben von Bercows Vorgängern wurden auf Befehl erzürnter Monarchen geköpft. Ganz so ruppig wie damals sind die Zeiten nicht mehr.

«Seien wir anständig, sonst verlieren die Leute den Respekt vor der Politik.»

Doch wer die britischen Unterhausdebatten in den vergangenen Wochen mal für ein paar Minuten live mitverfolgt hat, kann sich vorstellen, dass Bercows Job alles andere als entspannend ist. Die Diskussionen sind oft gehässig. Lautes Geschnatter, Buhrufe und in edle Floskeln gehüllte Beleidigungen sind an der Tagesordnung.

Der Strassenkünstler Banksy hat den britischen Parlamentssaal vor kurzem als Haus voller Affen gezeichnet. So dürfte das auch John Bercow ab und an gesehen haben, wenn er das hitzige Hin und Her mit seinen «Ooooooordeeeeeer!»-Rufen, immer gefolgt von einem spitzen Lächeln und sternförmigen Falten rund um die Augen, zu beenden versuchte.

Vom Tenniswunderkind zum Helikopterpolitiker

In seiner Zeit als Speaker hat Bercow dabei durchaus gewichtige Entscheide getroffen. Zum Beispiel, als er der damaligen Premierministerin Theresa May verbot, ein drittes Mal über ihren Brexit-Vertrag abstimmen zu lassen.

Bercow berief sich dabei auf ein Gesetz von 1604, das mehrfache Abstimmungen über unveränderte Vorlagen verbietet – und versetzte May mit seinen Gesetzeskenntnissen den vielleicht entscheidenden Stoss, der sie letztlich zu Fall brachte. Bercow wuchs im Norden Londons auf, war einst der beste U12-Tennisspieler Grossbritanniens, musste seine sportliche Karriere dann aber wegen seiner Grösse – 1,68 Meter – an den Nagel hängen.

Als Schüler traf er im Winter 1979 Margareth Thatcher, die damals fürs Amt als Premierministerin kandidierte. Sie riet ihm, in die konservative Jugendpartei einzusteigen. Bercow folgte dem Rat, studierte Politologie und kandidierte zweimal erfolglos für einen Parlamentssitz. 1996 schliesslich trat er gleichzeitig in zwei Wahlkreisen – Surrey Heath und Buckingham – an und mietete sich einen Helikopter, um rechtzeitig für die Stimmabgabe an beiden Orten zu sein.

Das seien «die am besten investierten 1000 Pfund» seines Lebens gewesen, sagte Bercow. Er wurde gewählt – und sitzt seither im Parlament. Ab Oktober hat er Zeit für seine wahren Helden Seit 2009 ist er «Speaker». Als solcher hatte er immer ein offenes Ohr für die Bedenken seiner Frau Sally Illman, einer Labour-Anhängerin.

Sie hat ihn, den einstigen konservativen Tory-Politiker, über die Jahre immer mehr von ihren Positionen überzeugt und ihn im Lager der Tories zur umstrittenen Figur gemacht. Doch all das Gekeife und all die politischen Streitigkeiten konnten seinem Frohgemüt offensichtlich nichts anhaben.

John Bercow in Zürich: "Können Sie mich hören?"

«Können Sie mich hören?»: John Bercow zu Gast an der Universität Zürich. Er sprach über die langwierigen Brexit-Verhandlungen und seinen Rücktritt.

Am Donnerstagabend stieg Bercow strahlend auf das Zürcher Podium, auf dem einst schon sein Held Churchill stand, und erzählte mit seinem eindrücklichen Stimmorgan eine geschlagene Stunde völlig frei: über Whiskey, Europa und die Frage, ob man das britische Unterhaus vielleicht umbauen müsste, damit sich die politischen Feinde nicht mehr so konfrontativ gegenübersässen (seine Antwort: Nein, das sei schon gut so).

Immer wieder kam Bercow auf den «wahren König» zu sprechen: Roger Federer. Nach seinem Vortrag fuhr er direkt weiter nach Bern und von da nach Genf an den Laver-Cup. Für solcherlei Reisen wird «Mr. Speaker» bald mehr Zeit haben. Ende Oktober legt er sein Amt nieder. Er will mehr Zeit für seine drei Kinder – und für seine anderen Helden neben Churchill und Federer: die Fussballer von Arsenal London.

Das Saisonticket hat er sich bereits gekauft. Wenn Bercow diesen Herbst vom Sprecheramt abtritt, dann hinterlässt der kleine Mann grosse Fussstapfen. Wer auch immer in sie tritt, braucht angesichts der anstehenden Brexit-Debatten eine laute Stimme.

Und eine schöne Portion Gelassenheit. John Bercow wird das Ganze aus der Ferne verfolgen, hin und wieder sein faltiges Lächeln aufsetzen und wohl noch manchmal leise in sich hineinschreien: «Oooooordeeeeeer!»

EU will von London bis Ende September «schriftlichen Vorschlag»

Am Donnerstag hat der finnische Ministerpräsident Antti Rinne der Regierung in London im Ringen um den EU-Austritt Grossbritanniens eine Frist gesetzt. Die Regierung von Premierminister Boris Johnson müsse bei der EU bis Ende September einen «schriftlichen Vorschlag» einreichen, wie sie sich die Zusammenarbeit mit Europa nach dem Brexit konkret vorstelle.

«Wenn bis Ende September keine Vorschläge eingehen, ist es vorbei», sagte Rinne, dessen Land für sechs Monate die EU-Ratspräsidentschaft innehat. Nur auf diese Weise könne Grossbritannien einen EU-Austritt ohne Abkommen verhindern. Am Mittwoch hatte sich das EU-Parlament mehrheitlich für einen Aufschub des Austrittsdatums Grossbritanniens aus der EU ausgesprochen, um das gefürchtete Chaos nach einem möglichen «No Deal»-Brexit verhindern zu können.

Ebenfalls am Donnerstag hat das oberste britische Gericht in London bekannt gegeben, dass es Anfang nächster Woche eine Entscheidung zu der von Premierminister Boris Johnson auferlegten Zwangspause des Parlaments treffe. Das kündigte die Vorsitzende Richterin Lady Brenda Hale zum Abschluss der dreitägigen Anhörung an.

Der frühere Premier John Major und andere Vertreter der britischen Politik erheben schwere Vorwürfe gegen Premierminister Boris Johnson. Mit der Zwangspause wolle er einzig und alleine verhindern, dass das britische Parlament von seinem Recht Gebrauch mache, mit der Regierung nicht einverstanden zu sein und Gesetze nach eigenem Ermessen zu erlassen. (sda)

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