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MOSSUL: Die Stadt der verlorenen Kinder

Die Schlacht um Mossul ist zu Ende, aber das Sterben geht weiter. Tausende Kinder verstecken sich immer noch in Erdlöchern vor IS-Kämpfern. Ein Bericht über eine Apokalypse zwischen Trümmerbergen und Massengräbern.
Cedric Rehman
Kein schöner Anblick: Ganze Quartiere in Mossul sind zerstört. Und noch immer halten sich IS-Kämpfer darin verschanzt.

Kein schöner Anblick: Ganze Quartiere in Mossul sind zerstört. Und noch immer halten sich IS-Kämpfer darin verschanzt.

Cedric Rehman

Emad Tamo ist ein Greis im Körper eines Kindes. Seine Stirn ist von Falten durchzogen. Die Wangen sind hohl, die Augen versinken in den Höhlen. Irakische Soldaten schütten Wasser über den Jungen, um den Staub abzuwaschen. Einer schneidet ihm die von Schmutz verfilzten Haare. «Habibi», Liebling, flüstert der Schiit dem Jesiden ins Ohr. Er lässt jede Strähne wie ein zärtlicher Vater durch seine Finger gleiten. Da stehen die Soldaten um das hungernde Kind herum und sehen aus, als würden sie die Welt nicht mehr verstehen.

Doktor Marino Andolina von der deutschen Hilfsorganisation Cadus hat an diesem Tag schon zwei weitere Kinder in Empfang genommen. «Sind sie schmutzig und am Verhungern, bedeutet das immer IS», sagt der italienische Kinderarzt. Damit meint er, dass die Kinder aus der Altstadt von Mossul kommen. Es ist der Teil der zerstörten Millionenstadt, in dem der IS immer noch nicht vertrieben ist. Tausende Zivilisten haben sich im Schutt Gruben gegraben oder Löcher im Boden, um sich vor dem IS zu verstecken.

Bei lebendigem Leib eingemauert

Die Kämpfer der Terrormiliz haben vor Wochen die Türen der Häuser zugeschweisst, um die Einwohner in den Gebäuden als menschliche Schutzschilde zu benutzen. So sollten die Luftangriffe der irakischen Armee und der Anti-IS-Koalition den Kampf gegen den IS in ein Blutbad verwandeln. Doch die Druckwellen der Detonationen sorgten dafür, dass Wände einstürzten und einige entkommen konnten. Sie suchten in den Trümmern oder unter der Erde ein Versteck vor den Bomben und den Heckenschützen des IS. Die Mütter und Väter verzichteten oft auf das Gras oder die verdorbenen Lebensmittel, die sie nachts sammelten, und das Wasser, das aus lecken Leitungen tropfte. Sie gaben ihren Kindern alles, was ess- oder trinkbar ist. Als in der ersten Juliwoche die IS-Kämpfer aus weiten Teilen der Altstadt verschwanden und die Luftangriffe auf die fast besiegte Miliz deutlich abnahmen, krochen die Kinder aus den Verstecken und liessen die Leichen ihrer verdursteten und verhungerten Eltern zurück.

Nachdem die irakischen Soldaten Emad Tamo vom Dreck befreit haben, tragen sie ihn vorsichtig in eine Garage. Sie dient Cadus als Feldlazarett. Noch Anfang Juli war die Front hier eineinhalb Kilometer entfernt. Dort legen sie ihn auf eine Liege, damit der Kinderarzt ihn untersuchen kann. Doktor Andolina schätzt den geschrumpften Leib des Kindes auf sieben. Der Junge sagt dem Übersetzer mit dünner Stimme, dass er 15 sei. Der italienische Arzt ist nicht erstaunt, dass er so danebengelegen hat. Kein Licht, keine Nahrung, kaum Flüssigkeit über Monate, das bringt den menschlichen Körper in einen Zustand, der nicht mehr durch das biologische Alter bestimmt ist, sagt er. Der Arzt legt eine Infusion, damit der ausgetrocknete Körper Flüssigkeit bekommt.

Der Junge konnte nur gerettet werden, weil er im Gewirr der Gassen in der Altstadt irakischen Soldaten in die Arme gelaufen ist. Denn obwohl die irakische Regierung den Sieg verkündet hat, hält der IS immer noch Teile der Altstadt unter Kontrolle. Wie viele Kinder in den letzten umkämpften Vierteln ohne lebende Verwandte noch in Verstecken hausen, könne niemand sagen. 2000 bis 3000 Kinder brauchen im Sperrgebiet dringend Hilfe, schätzt der Arzt. «Ich würde sofort gehen, aber die Armee lässt niemanden da rein», sagt Andolina und streichelt dem jungen Jesiden über den frisch geschorenen Kopf.

Das Leben kehrt zurück in die zerstörte Stadt, als wollte es dem Tod ein Schnippchen schlagen. Wo noch vor wenigen ­Tagen geschossen und gestorben wurde, öffnen die ersten Läden. Aber das Leben macht in Mossul bescheidene Fortschritte. Je näher an der immer noch umkämpften Altstadt, desto grösser die Stille. Ein übler Gestank hängt über der Altstadt. Alles verrottet: Abfall, verendete Tiere und die Leichen der Menschen, die hier einmal gelebt haben.

Hilfswerk wollte Zusammenarbeit mit Irakis beenden

Stefan Jarosch steuert seinen Jeep der Organisation Cadus um die metertiefen Krater herum. Fliegerbomber der Alliierten haben sie in den Boden gesprengt und die Gebäude darüber pulverisiert. Jarosch fährt einen neuen Arzt aus Deutschland durch sein altes Revier. Der Berliner Notfallmediziner wird nach vier Wochen in Mossul mit seinem Team demnächst aufbrechen, während der Mainzer Arzt Gerhard Trabert für die kommenden zehn Tage das Lazarett in Mossul leitet.

Jarosch und seine Helfer bleiben dem IS auf den Fersen. Sie folgen der irakischen Armee in die Stadt Tal Afar westlich von Mossul. Dort beginnt die nächste Operation gegen die Dschihadisten. Der Berliner Arzt steuert die zweite Feldklinik von Cadus in der Altstadt an. Die Deutschen flicken dort mit den Ärzten des irakischen Militärs Zivilisten, Soldaten und IS-Kämpfer zusammen, bevor die Armee die Verwundeten in ein ordentliches Spital evakuiert. Cadus habe sich in den vergangenen Wochen überlegt, die Zusammenarbeit mit der irakischen Armee zu beenden, sagt Jarosch. Er erzählt, wie er einen IS-Kämpfer behandeln wollte, dieser aber von den Soldaten von der Liege weggeschleppt worden ist. «Sie verschwanden mit ihm hinter dem Haus. Dann hörte ich zwei Schüsse. Die Soldaten kamen ohne den Mann zurück», sagt er. Am Ende habe Cadus entschieden, zu bleiben, weil der Protest gegen die Hinrichtung des IS-Kämpfers am Ende weniger wog als das Recht der Zivilisten, zu überleben, sagt Jarosch. Der Mediziner tritt vor dem Feldlazarett in der Altstadt auf die Bremse. Ein Krankenwagen versperrt die Strasse. Irakische Soldaten tragen einen Verwundeten in einer Decke zum Wagen. Aus dem Tuch tropft Blut auf die Strasse.

Die einstige Metzgerei ist jetzt ein Lazarett

Der einzige Raum, in dem in der Altstadt von Mossul Leben gerettet wird, ist so gross wie ein irakisches Ladengeschäft. Genau das war das Lazarett auch vor der Schlacht – eine Metzgerei, um genau zu sein. An der Wand hängen noch die Fleischerhaken. Der Militärarzt Ahmad Hashem und sein Kollege Fuad Jassem von der 9. Division der irakischen Armee ruhen sich auf Klappstühlen aus, nachdem der Verwundete abtransportiert ist. Wer ihnen zuhört, hat nicht das Gefühl, dass die Schlacht um Mossul wirklich zu Ende ist. Von Westen her würden IS-Kämpfer wieder in die Stadt eindringen, sagt Ha­shem. «300 Meter von hier beginnt die Front», sagt er. Wie viele Zivilisten noch oder schon wieder unter der Kontrolle des IS ständen, könne er nicht sagen.Verwundete IS-Kämpfer würden selbstverständlich auch erstversorgt und dann wieder der Armee ausgehändigt, sagt er. Was danach mit ihnen geschieht? «Das ist nicht unsere Sache», sagt sein Kollege Jassem. Ohnehin sei es nicht einfach, die IS-Kämpfer von den Zivilisten der Stadt zu trennen. «Wir haben wenig Vertrauen in Zivilisten», sagt er. Kämen sie ins Lazarett, hätten die Ärzte Angst, dass sie in Wahrheit Dschihadisten seien. «Wir haben Sanitäter verloren, weil ein angeblicher Zivilist dann doch einen Sprenggürtel gezündet hat», sagt Major Jassem.

Stefan Jarosch drängt zum Aufbruch. Mit einem Handschlag verabschiedet er sich von den irakischen Kollegen, knufft einen anderen in die Seite. Als er wieder im Jeep sitzt, verrät er, dass der Austausch von Freundlichkeiten auch Mittel zum Zweck sei. Denn die Zusammenarbeit sei reich an Spannungen. Die Ärzte und Sanitäter der irakischen Armee hätten den Auftrag, ihre eigenen Soldaten wieder kampffähig zu machen. «Die Behandlung von Soldaten ist für die Iraker wichtiger als die Rettung von Zivilisten», sagt Jarosch. Im Zweifel müssen die Deutschen und die Iraker also darum streiten, wer länger lebt und wer früher stirbt.

Keiner will es jetzt gewesen sein

Als der Jeep vor der Garage ausserhalb der Altstadt hält, die Cadus als Stützpunkt dient, ist die Schlange der Patienten lang. Stefan Jarosch und sein Nachfolger Gerhard Trabert haben keine Zeit, erst einmal anzukommen. Frauen in schwarzen Schleiern halten den deutschen Ärzten ihre hohlwangigen Kinder hin. Trabert stellt bei allen Kindern ­Zeichen von Unterernährung fest. Die ­Kinder essen nichts mehr, das sei der posttraumatische Stress, sagt er. Es ist schwierig, mit den Zivilisten ins Gespräch zu kommen. Es herrscht ein Schweigen, das tief in die Seele zu reichen scheint. Sie erzählen, wie sie dem IS entkommen sind und nun bei Verwandten in den sicheren Zonen Mossuls leben. Über die irakische Armee oder die gefürchteten Schiiten-Miliz Hashd al-Shaabi verliert niemand ein böses Wort. «Sie sind nicht so, wie der IS uns erzählt hat. Sie helfen uns», sagt der 18-jährige Ahmed Rakan. Weder er noch irgend jemand in seiner Familie habe jemals Sympathie für die Dschihadisten gehabt. «Das sind Monster», sagt er. Keiner wolle es jetzt gewesen sein, sagt Stefan Jarosch dazu. «Wir Deutschen wissen doch, wie das läuft», sagt er.

Wenig später wird sich zeigen, dass Ahmed Rakan Unrecht hat. Irakische Soldaten tragen einen jungen Mann in das Lazarett. Er stöhnt vor Schmerzen, am Arm trägt er einen schmutzigen Verband. Aufregung breitet sich in der Garage aus, als sich herumspricht, dass der Mann ein IS-Kämpfer ist. Irakische Soldaten umgeben das Krankenlager und stehen den Ärzten im Weg. Es sei ein Wunder, dass sie den Mann versorgen liessen, statt ihn an einem Strassenrand zu erschiessen, sagt ein Helfer von Cadus. Einige Stunden später wird klar, warum der IS-Kämpfer noch am Leben ist. Die Iraker erzählen, dass er der Neffe des Sicherheitschefs der Dschihadisten sei und Fragen beantworten solle. Er stamme aus einer Mossuler Familie, die sich ganz dem IS verschrieben habe.

Der junge Mann ist betäubt von Tramadol. Das Schmerzmittel löst die Zunge des Kämpfers. Abdulrahman al-Hadidi heisse er, und 25 Jahre sei er alt. Vor eineinhalb Jahren sei er IS-Kämpfer geworden, weil der Onkel es so gewollt habe, sagt er. Was könnte der Mann alles erzählen über den IS oder darüber, was er nach der Niederlage fühlt. Aber die irakischen Soldaten schauen schon unruhig herüber. Also kurz noch eine Frage: Ob er Mitleid habe mit dem Jesidenjungen am anderen Ende der Garage. Ja, sagt er. «Hätte ich gewusst, was aus Mossul wird, hätte ich mich geweigert, zum IS zu gehen. Aber jetzt ist es zu spät», sagt er.

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