Moslems sind sich uneinig

Die Empörung über den Terroranschlag auf «Charlie Hebdo» hält sich in der arabisch-islamischen Welt in Grenzen. Radikale Moslems feiern die Attentäter derweil im Netz.

Michael Wrase
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Die islamischen Nationalverbände der Schweiz hätten mit grossem Bedauern von den schrecklichen Ereignissen in Paris Kenntnis genommen, hiess es gestern in einer Mitteilung. Unterzeichnet war sie von Hisham Maizar, dem Präsidenten der Föderation Islamischer Dachverbände Schweiz, und von Fargad Afshar, dem Präsidenten der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz.

Auch Iran sowie die Regierungen von Jordanien, Marokko und Saudi-Arabien haben den «feigen Anschlag» kritisiert und darauf hingewiesen, dass «der wahre Islam terroristische Gewalttaten» ablehne. Die Arabische Liga und die Kairoer Al-Azhar-Universität, die wichtigste Autorität des sunnitischen Islam, verurteilten das Massaker dagegen in eher knappen Verlautbarungen. Uneingeschränkte Verurteilungen sind bislang rar.

Der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu hielt es für notwendig, nach seiner «scharfen Verurteilung» zu betonen, dass «Terrorismus und Islamophobie sich annähern». Islamophobie werde, so die feste Überzeugung in Ankara, in Europa «staatlich gefördert». Die «Kritik der Moslems an den Karikaturen» hält Cavusoglu für berechtigt und könne wegen des Anschlags nicht verurteilt werden.

«Nicht entschuldigen»

Noch ambivalenter reagierte Abdullah al-Athba, Herausgeber der katarischen Zeitung «Al Arab». «Angriffe auf Unschuldige» sind für den Journalisten zwar «unannehmbar». Dennoch fordert er «die Moslems» dazu auf, sich keinesfalls für «ein Verbrechen zu entschuldigen, das sie nicht begangen haben».

«Warum», fragt Al Athba, «wird die Angelegenheit mit dem Islam verknüpft?» Auch christliche und jüdische Extremisten verübten Verbrechen. Niemand verlange aber von den Kirchen, sich im Namen ihrer Religion für Angriffe auf Moscheen in Schweden und antimoslemische Hasskampagnen in Deutschland zu entschuldigen. Eine Verurteilung des Pariser Anschlags, hiess es in einem Leserkommentar, käme für die Moslems erst dann in Frage, wenn Frankreich und andere westliche Staaten die Tötung von Moslems im Nahen und Mittleren Osten bereuten.

Das dem Westen unterstellte «Messen mit zweierlei Mass» scheint für viele gläubige Moslems der Grund für ihre Zurückhaltung bezüglich des Pariser Massakers zu sein. «Wo bleibt die Empörung des Westens, wenn in Afghanistan und Syrien Unschuldige getötet werden?», ist eine vielgestellte Frage im Internet.

Radikale feiern die Attentäter

Radikale Moslems verzichten dagegen auf jegliche Differenzierung. Sie feiern die Pariser Attentäter als «Helden». «Die Karikaturisten beleidigten den Propheten und wurden zur Rechenschaft gezogen», schreibt ein Nutzer mit dem Namen «Abu Ottoman». «<Charlie Hebdo> spielte mit dem Feuer und hat sich verbrannt», freut sich Abdul Mumin, ein Anhänger des Islamischen Staats (IS), in einer Kurznachricht auf dem Internetdienst Twitter. Die Propagandaabteilung des IS veröffentlichte gestern im Internet Bilder von der Pariser Bluttat, unterlegt mit religiösen Sprechgesängen. Das Video trägt den Titel «Oh einsamer Wolf, zögere nicht» – wohl eine Aufforderung für potenzielle Nachahmungstäter.

Diese haben angekündigt, «Ungläubige, die den Propheten beleidigen, ihrer gerechten Strafe zuzuführen». Viele Hassmails der Jihadisten enden mit «Allahu Akbar», der Lobpreisung des Allmächtigen – oder mit dem Kampfruf «Takbir», mit dem Jihadisten in ihre Schlachten ziehen.